Autor Felix Lieb mit seinem Buch. © dw
München – Das bayerische Kultusministerium war nach 1945 weniger stark NS-belastet als viele Bundesministerien. Dafür herrschte eine Haltung, die geprägt war „von der katholischen Staatslehre, einem hierarchischen Gesellschaftsverständnis und nicht zuletzt der Monarchie“. Dieses Fazit zog der Historiker Felix Lieb vom Münchner Institut für Zeitgeschichte, der gestern seine Studie zum Schulministerium genau an jenem Ort vorstellte, den er jahrelang untersucht hatte: Zahlreiche ehemalige und aktuelle Kultusbeamte kamen zur Präsentation in das Haus am Salvatorplatz. Dabei gab es manches Aha-Erlebnis, etwa als Lieb das Wirken des hohen, 2009 verstorbenen Beamten Karl Böck ansprach. Die rechte Hand des Kultusministers Alois Hundhammer (CSU) war offenbar so etwas wie der böse Geist im Ministerium.
Doch der Reihe nach. Liebs Arbeit (erschienen bei De Gruyter Oldenbourg, 79,95 Euro) steht in einer Reihe mit Studien, die die NS-Belastung verschiedener Bundesministerien untersucht haben. Bayern war das erste Land, das konsequent auch Forschungsarbeiten über das Wirken ehemaliger Nazis in den Landesbehörden in Auftrag gab, wie der stellvertretende IfZ-Leiter Magnus Brechtken ausführte. Vor allem der verstorbene Grünen-Abgeordnete Sepp Dürr habe das angeregt.
Anders als vielleicht vermutet, hat Lieb kaum Personen gefunden, die an NS-Verbrechen beteiligt waren. Es gab drei ehemalige SS-Mitglieder, über die nichts weiter vorliegt, sowie einen Beamten, der zwei Jahre lang Co-Leiter der Volksschulabteilung war: Karl Eduard Blaesing war „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in die Organisation von zwei Deportationszügen nach Auschwitz und Bergen-Belsen involviert“. Lieb hat auch die höhere Beamtenschaft auf NSDAP-Mitgliedschaft untersucht. Ergebnis: Von 198 Personen 1945 bis 1975 waren 21,2 Prozent früher Mitglied in der Hitlerpartei. Kein exorbitant hoher Wert.
Statt ehemaliger Nazis gaben im Ministerium eingefleischte Konservative den Ton an, nach deren Verständnis das Schulsystem strikt dreigliedrig sein musste: Katholische und evangelische Schüler wurden in Konfessionsschulen separiert. Das lag an den Ministern Alois Hundhammer (im Amt 1946 bis 1950) und seinem Nachfolger Josef Schwalber (1951–1954). Sie förderten planmäßig Beamte, für die ein „strammer Antikommunismus“ charakteristisch war. „Viele wichtige Beamte hatten 1918/19 selbst gegen die Revolution und vor allem die Münchner Räterepublik gekämpft“, sagte Lieb. Wer da nicht reinpasste, wurde verdrängt, so der Sozialdemokrat Claus Pittroff, der es nur kurz unter Hundhammer als Staatssekretär aushielt. Hohe Beamte versorgten die Landtagsopposition der CSU während der Zeit der „Bayerischen Viererkoalition“ unter dem Sozialdemokraten Wilhelm Hoegner (1954–1957) auch mit Interna, versuchten etwa die Gründung der Politischen Akademie in Tutzing als „sozialdemokratisches Projekt“ zu verhindern.
Ein besonderes Kapitel ist der Kultusminister Theodor Maunz (1957–1964). Der Jurist und CSU-Politiker hatte in der Nazizeit den „Führerwillen“ propagiert, was die FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher durch eine gezielte Indiskretion ans Licht brachte. Böck hatte ihr Zitate geliefert. Maunz musste zurücktreten. Dabei war er als Kultusminister sicher kein Rechtsradikaler, eher „im Gegenteil“, wie Lieb sagte. So förderte er die Ausweitung des Geschichtsunterrichts, die auch die NS-Zeit umfassen sollte. Erst nach seinem Rücktritt suchte Maunz wieder Kontakt zu alten Seilschaften – er wurde anonym Mitarbeiter einer rechtsextremen Postille.
Wie in vielen Ministerien sind auch am Salvatorplatz alle Minister seit 1945 in einer Ahnengalerie verewigt. Nur Maunz wurde stillschweigend ausgespart. Der Amtschef des Ministeriums, Martin Wunsch, versprach, das zu ändern. Maunz könne nicht einfach ignoriert werden.DIRK WALTER