Aufräumarbeiten südlich von Beirut im Libanon gestern nach einem israelischen Raketenangriff. © Hamzeh/EPA
Jacqueline Flory reist regelmäßig in den Libanon. © privat
München/Beirut – Jacqueline Flory ist in den vergangenen zehn Jahren oft in den Libanon geflogen. Sie hat viel Zerstörung und Leid gesehen. Gerade ist sie wieder aus der Hauptstadt Beirut zurückgekehrt nach München und sagt: „So schlimm, wie es jetzt ist, war es noch nie.“ Tausende Menschen sind obdachlos, berichtet sie. Viele haben nicht einmal Zelte, in denen sie schlafen könnten. Flory hat selbst alte Menschen und Babys auf den Straßen gesehen, die durch die Raketeneinschläge alles verloren hatten. „Jeden Tag und jede Nacht schlagen neue Raketen ein.“ Die Angst sei sehr groß – und die Menschen haben keine Hoffnung, dass sich Israel und Hisbollah schnell auf einen Frieden einigen werden.
Flory hat vor zehn Jahren den Verein „Zeltschule“ gegründet, im Libanon eröffnete sie die ersten provisorischen Schulen für Flüchtlingskinder. Seitdem reist die 50-Jährige immer wieder in die Region, um Kindern eine Zukunft zu ermöglichen und pragmatisch gegen Fluchtursachen zu kämpfen. Der Verein hat sich inzwischen in „Do Better“ umbenannt – denn mittlerweile gibt es viele Schulen in festen Gebäuden für die Kinder. Seit dem Regime-Wechsel in Syrien hat Florys Verein vielen Menschen bei der Rückkehr in ihre Heimat geholfen. Daran ist aber gerade nicht mehr zu denken, sagt sie. „Die Grenze ist dicht.“ Es ist für sie schwer mitanzusehen, dass Kinder, die vor Jahren vor dem Krieg aus Syrien geflüchtet sind, nun wieder in einem Krieg gefangen sind.
Vier Tage war sie im Libanon. Gewohnt hat die Münchnerin bei einer Freundin. Ständig seien Einschläge von Raketen zu hören, berichtet sie. Und das ständige Surren von Drohnen. Wegen der Gefahr durch Druckwellen von Explosionen müssen die Fenster der Häuser Tag und Nacht geöffnet bleiben. Florys Verein kaufte Händlern im Libanon Lebensmittel und Trinkwasser ab, um die Menschen zu versorgen, die alles verloren haben. „Es wäre unmöglich, Sachspenden mit über die Grenze zu bringen“, sagt sie. „Die Hisbollah würde alles beschlagnahmen.“ Sie konnte das Land wie geplant nach vier Tagen wieder per Flugzeug verlassen, um von Bayern aus zu helfen. Fast wundert es sie, dass Israel bisher noch nicht den Flughafen in Beirut angegriffen hat. „Über ihn bekommt die Hisbollah Waffen und Geld aus dem Iran geschickt.“
Besonders dramatisch sei die Situation rund um die Hauptstadt. Auch die Bekaa-Ebene wurde massiv bombardiert. „Von dort haben wir vor zwei Monaten ein großes Flüchtlingscamp umgezogen. Hätten wir das nicht geschafft, wäre es komplett zerstört worden.“ Relativ stabil ist die Situation noch im Nordwesten des Libanons, berichtet Flory. Dort werden die Kinder noch in Schulen unterrichtet. „Wir versuchen, Normalität und Routinen so lange aufrechtzuerhalten, wie es möglich ist.“ In Beirut gibt es schon lange keinen Unterricht mehr. Die beiden großen Schulen dort wurden längst geschlossen, um obdachlos gewordene Menschen unterzubringen.
„Nichts ist gerade so wichtig, wie die Menschen mit Nahrung, Wasser und Medikamenten zu versorgen“, sagt Flory. Die Helfer haben große Sorge, dass im Libanon die Cholera ausbrechen könnte, dagegen impfen sie bereits. Ihr Verein ist genau wie die anderen Hilfsorganisationen auf Spenden angewiesen, um diese Nothilfe leisten zu können. Deshalb haben sich Flory und ihr Team entschieden, die geplante Gala zum zehnjährigen Bestehen in eine Benefiz-Gala für die Menschen im Libanon umzuwandeln (siehe Kasten). Seit der Gründung hat ihr Verein 80 Schulen errichtet, um Kindern eine Zukunft zu ermöglichen und ein wenig Normalität zwischen Raketeneinschlägen zu ermöglichen. Darauf ist Jacqueline Flory stolz. Sie sagt aber auch: „Es gibt im Libanon sehr viele Kinder, für die wir noch nichts tun konnten.“KATRIN WOITSCH