Der Fluch der guten Ernte

von Redaktion

Zu viele Kartoffeln am Markt – Studenten starten Rettungsaktion

Ein Rösti in der Erlanger Mensa.

Reiche Ernte: Die Brüder Michael (li.) und Tobias Pabst aus Vierkirchen im Kreis Dachau leben vom Kartoffelanbau. © Habschied

Vierkirchen – Am Dienstag gibt es in der Mensa der Uni in Erlangen Kartoffel-Kohlrabi-Gratin, am Mittwoch Kartoffel-Gemüse-Bowl, am Donnerstag Kartoffel-Bärlauch-Puffer, am Donnerstag Kartoffeltaschen – und das ist kein Zufall. Das Studierendenwerk Erlangen-Nürnberg beteiligt sich wie zahlreiche andere an der bundesweiten Aktion „Rettet die Knolle“. Damit wollen die Initiatoren auf ein Problem hinweisen, das derzeit auch bayerische Bauern umtreibt: Es gibt zu viele Kartoffeln!

Das liegt an einer ungewöhnlich guten Ernte im vergangenen Herbst. „Da hat uns einfach alles in die Karten gespielt“, sagt Claudia Steininger von der Bayerischen Kartoffel GmbH, in der Erzeuger und Vermarkter organisiert sind. Genug Regen, aber nicht zu viel, genug Sonne, aber nicht zu warm. Dazu kommt, dass die bayerischen Bauern die Anbaufläche in den vergangenen Jahren ausgebaut haben – „weil es rentabel war“, sagt Steininger. Von 2024 auf 2025 wuchs die Fläche um 1300 Hektar auf insgesamt knapp 40.000 Hektar. 1,8 Millionen Tonnen Kartoffeln wurden 2025 gerodet, so heißt das im Fachjargon. Das sind laut Statistischem Landesamt 18,2 Prozent mehr als im Vorjahr und 12,1 Prozent mehr als im Durchschnitt der Jahre 2019 bis 2024. Bayern ist also ein starker Kartoffel-Produzent, Nummer drei in Deutschland hinter Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Jede Person im Freistaat könnte im Jahr mit rund 135 Kilo heimischen Kartoffeln versorgt werden, zeigt die Statistik. „Aber jetzt ist die Blase geplatzt“, sagt Steininger.

Dass der Markt übersättigt ist, liegt unter anderem daran, dass die großen Konzerne sich verzettelt haben. Sie rechneten mit guten Geschäften, etwa in China. Dort wird die Mittelschicht gestärkt, man ging davon aus, dass mehr Pommes gegessen werden. „Aber die Chinesen sind nicht zu Kunden geworden, sondern zu Konkurrenten“ – man habe dort einfach selbst Kartoffeln produziert, eigene Fabriken gebaut und exportiert jetzt in die ganze Welt.

Einer, der mit Kartoffeln seinen Lebensunterhalt verdient, ist Tobias Pabst aus Vierkirchen (Kreis Dachau). Er ist 29 und hat vor vier Jahren zusammen mit seinem Bruder den Hof seiner Eltern übernommen. Im vergangenen Herbst haben sie auf ihren 150 Hektar Acker so viele Kartoffeln geerntet wie seit zehn Jahren nicht. Doch die Pabsts merken: „Die Abnehmer sind zurückhaltend.“ Eigentlich geht etwa ein Viertel der Kartoffeln, die im Familienbetrieb geerntet werden, gewaschen in den direkten Verkauf, zwei Drittel in eine schwäbische Pommesfabrik. Doch jetzt mussten die Pabsts beachtliche Mengen an Biogasanlagen-Betreiber und als Tierfutter verkaufen. „Das tut im Herzen weh, wenn man sich das ganze Jahr über gekümmert hat, dass es ein gutes Produkt wird“, sagt Pabst.

Finanziell sind die Auswirkungen für ihn und seine Familie spürbar, aber noch nicht dramatisch. Das liegt auch daran, dass der Betrieb auch andere Standbeine hat, etwa Erdbeerfelder. Die Kartoffelpreise wurden mit den Abnehmern im vergangenen Frühjahr schon festgezurrt. „Damit konnten wir den Anbau für heuer finanzieren“, sagt Pabst. Wie die Verhandlungen für die kommende Ernte laufen werden, ist unklar. Bleiben die Preise auf dem aktuellen Niveau, müsse man sich gut überlegen, ob sich das noch lohne. Denn auch der Krieg im Nahen Osten wirkt sich auf die bayerische Landwirtschaft aus: „Was uns zusätzlich belastet, sind die hohen Kosten für Diesel und Dünger.“

Helfen kann neben der Aktion „Rettet die Knolle“ auch der Verbraucher selbst, sagt Claudia Steininger. Demnächst wird die Kartoffelkonkurrenz aus dem Ausland, etwa aus Ägypten, im Supermarkt angeboten. Wer bewusst zu heimischen Kartoffeln greife, unterstütze die bayerischen Bauern.

Die Aktionswoche des Studierendenwerks Erlangen-Nürnberg kommt jedenfalls gut an. Betriebsleiter André Müller berichtet von langen Schlangen am Mittwochmittag – und zwar an der Ausgabe mit dem Kartoffelgericht.CARINA ZIMNIOK

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