Die Zeckensaison geht los: Beim Wandern besteht ein Risiko, gebissen zu werden. Vielerorts warnen Schilder vor den Tieren. © Imago
München – Wenn es um Zecken geht, kann Jörg Schelling die Zukunft voraussagen. Noch ist die Kurve der FSME-Fälle in Deutschland niedrig, sagt der Münchner Hausarzt und Impfexperte. „Aber ab nächster Woche wird es rasant nach oben gehen.“ Denn das Frühlingswetter lockt viele Menschen in die Natur. „Jedes Jahr um diese Zeit beginnt dann die Zeckensaison“, sagt Schelling. Grundsätzlich ist es allerdings ratsam, das ganze Jahr über auf Zeckenbisse zu achten. Die kleinen Plagegeister sind aktiv, sobald die Temperaturen nachts nicht mehr unter null Grad und tagsüber bei mehr als 5 Grad liegen.
Die häufigste Zeckenart in Deutschland ist der Gemeine Holzbock, er überträgt hauptsächlich Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und Borreliose auf den Menschen. Gerhard Dobler ist Zecken-Experte vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München. Er und sein Team sind regelmäßig draußen unterwegs, um Zecken einzusammeln und zu untersuchen. Seit Mitte März haben sie zahlreiche Holzbock-Exemplare in Bayern gefunden. Wenn die Winter wärmer sind, tauchen sie manchmal sogar schon im Februar auf. „Die Hauptsaison beginnt jetzt, wenn es wärmer wird und die Luftfeuchtigkeit noch relativ hoch ist“, erklärt er. Im Hochsommer ist der Holzbock dagegen deutlich weniger aktiv.
Um zu überleben, brauchen die Zecken Blut – und zwar in allen Entwicklungsstadien, also schon als Larven. Meist stechen nur die erwachsenen Zecken – und ausschließlich die Weibchen, die das Blut für die Entwicklung der Eier brauchen, sagt Dobler. Wenn Zecken an infizierten Wirten wie kleinen Nagetieren oder Vögeln Blut saugen, können sie Borreliose-Erreger oder FSME-Viren aufnehmen. Die können dann beim nächsten Stich auf den Menschen übertragen werden. Laut Robert-Koch-Institut wurden in diesem Jahr bisher 918 Fälle von Borreliose und elf FSME-Fälle in Deutschland registriert.
„Die meisten Menschen haben Angst vor Borreliose“, sagt Hausarzt Schelling. „Dabei ist FSME viel tückischer.“ Die Symptome beginnen schleichend. Oft mit Kopf- oder Gliederschmerzen, Schlafstörungen oder Konzentrationsproblemen. Dagegen hilft kein Antibiotikum. „Man kann nur versuchen, das Immunsystem zu unterstützen.“ Bester Schutz sei die Zeckenimpfung, die regelmäßig aufgefrischt werden muss. Geimpft wird mittlerweile mit einem Express-Schema, erklärt Schelling. Nach der ersten Impfung noch zweimal im Abstand von einer und drei Wochen. „Dann besteht der Impfschutz für zehn Jahre.“
Zusätzlich zur Impfung hilft lange Kleidung, um sich zu schützen. Idealerweise helle Hosen, damit die Zecken gut zu sehen sind. Es helfe auch, die Hosenbeine in die Strümpfe zu stecken und knöchelhohe Schuhe zu tragen, rät Schelling. „Denn der Angriff kommt von unten.“ Zecken sitzen im hohen Gras, krabbeln auf die Beine der Menschen und von dort den Körper entlang weiter nach oben. „Dass Zecken von Bäumen oder Sträuchern auf den Menschen springen, ist Schmarrn.“ Auch zeckenabweisende Mittel auf der Kleidung oder der Haut können schützen. Nach einem Aufenthalt in der Natur sollte man sich intensiv absuchen, rät Zecken-Experte Gerhard Dobler. „Die Zecken stechen nicht sofort, sondern krabbeln meistens zwei bis vier Stunden auf dem Körper und suchen sich eine geeignete Stelle.“ Außerdem dauere es eine Zeit, bis sich die Zecken mit ihren Mundwerkzeugen durch die Haut gearbeitet hätten. Wer eine Zecke bei sich entdeckt, sollte sie so schnell wie möglich entfernen – das kann eine Übertragung mit dem Borreliose-Erreger verhindern. Die befinden sich im Magen der Zecke und verwandeln sich, sobald sie Blut saugt. Übertragen werden sie erst nach etwa 24 Stunden.
Zecken plagen andere Lebewesen übrigens schon seit über 300 Millionen Jahren. Bernsteinfunde belegen, dass sie offenbar schon an Dinosauriern gesaugt haben. Und sie sind robust. Der erwachsene Holzbock kommt ein bis zwei Jahre ohne Blutmahlzeit aus.KWO/DPA