Lehrer: Sitzenbleiben abschaffen!

von Redaktion

München – Sind Sie schon mal durchgefallen? Hat es was gebracht? Erinnern Sie sich an den Unterricht, in dem Sie einfach nichts kapiert haben? Diese Fragen stellt Simone Fleischmann, bevor sie am Montag ihre Pläne für ein neues Gymnasium präsentiert. Damit ist die Richtung klar, die die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) einschlägt: So geht es nicht weiter mit der Schulform, die eigentlich die Königsklasse sein soll. Das Gymnasium braucht dem Lehrerverband zufolge eine Generalüberholung. Kontroverseste Forderung: Das Sitzenbleiben soll abgeschafft werden.

Morgen schreiben fast 30.000 bayerische Gymnasiasten die erste Abitur-Prüfung. Erstmals wieder nach neun statt nach acht Jahren. Doch mit der Rolle rückwärts vom G8 zum G9 sind längst nicht alle Probleme behoben, findet man beim BLLV. Im laufenden Schuljahr fehlten rund 1150 Lehrkräfte am Gymnasium – auch weil man für die neu hinzugekommenen 13. Klassen sprunghaft mehr Lehrer brauche. Der Mangel, so Fleischmann, werde aktuell zwar abgefedert durch freiwillige Mehrarbeit und Lehrer, die ihren Ruhestand verschieben. Doch das wirke sich negativ auf die Arbeitsbelastung aus: Fast jede fünfte Pensionierung erfolge wegen Dienstunfähigkeit. Der Nachwuchs wird es nicht richten: Die Zahl der Lehramtsstudenten für das Gymnasium ist seit 2014 um 24 Prozent gesunken.

Das wirkt sich auf den Unterricht aus: 11,4 Prozent des Unterrichts könne nicht regulär stattfinden, 44 Prozent der Klassen haben 26 bis 30 Schüler. Immer mehr Schüler haben sonderpädagogischen Förderbedarf – in fünf Jahren sei ihre Zahl um 83 Prozent gestiegen. In dem Zeitraum hat zudem der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund um 60 Prozent zugenommen. Und obwohl das Gymnasium die beliebteste Schulart in Bayern bleibt, ging die Zahl der Schüler in den vergangenen Jahren laut BLLV um sechs Prozent zurück.

Wie wird das Gymnasium wieder Champions League? „Die Schüler behalten oftmals erschreckend wenig der behandelten Inhalte“, findet der BLLV. Das liege am schnellen Wechsel der Unterrichtsfächer, an einem zu hohen Lerntempo, während intensive Verstehens- und Übungsphasen zu kurz kämen. Simone Fleischmann sagt: „Wir spüren doch alle, dass manches nicht mehr auswendig gelernt werden muss.“ Deshalb müsse sich am System etwas ändern. Der Verband fordert weniger Fächerzersplitterung (in der zehnten Klasse etwa sind es 16 Fächer), weniger „Bulimie-Lernen“ und stattdessen mehr Projektarbeit. Ein „Lerncoach“ soll jedes Kind von der siebten bis zur elften Klasse begleiten und beraten.

Am umstrittensten dürfte diese Forderung sein: Das Durchfallen in der bestehenden Form muss laut BLLV abgeschafft werden. Über ein modulares System sollen Schüler in Fächern, mit denen sie Schwierigkeiten haben, mehr Gelegenheit zum Üben bekommen. Hat ein Schüler etwa in der siebten Klasse in Mathe und Latein eine Fünf, rückt er trotzdem in die achte vor. Im neuen Schuljahr verzichtet er beispielsweise auf Kunst und Musik, die freien Stunden füllt er mit Siebtklass-Stoff in seinen schwachen Fächern auf. Das habe den Vorteil, dass zwar die Inhalte nachgeholt werden, der Schüler aber in seinem Klassenverband bleibt und nicht auch die Fächer wiederholen muss, die er ausreichend beherrscht.

Die Gymnasiallehrer, die bei der Konkurrenz vom Deutschen Philologenverband organisiert sind, kritisieren das Modulsystem. Wie der Vorsitzende Michael Schwägerl mitteilt, gehe der Vorschlag an der Realität vorbei. Eine individuelle Förderung der Schüler ab der 7. Klasse sei aufgrund der personellen Ressourcen nicht leistbar. Aber: Viele Schulen hätten sich mit individuellen Lösungen erfolgreich auf den Weg gemacht. „Das zeigt nicht zuletzt die Durchfallquote an den Gymnasien, die in den vergangenen 20 bis 30 Jahren erheblich gesenkt werden konnte.“

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