Als der GAU Bayern erreichte

von Redaktion

Mit Kräutern aus dem Glashaus wurde am Viktualienmarkt geworben. © Gebhardt

Demo auf dem Marienplatz am 9. Mai 1986 nach der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl. © Kurzendörfer

Mit dem Geigerzähler auf dem Gemüsefeld: Zwei Männer messen im Mai 1986 bei Allensbach am Bodensee ihren Kohlrabi. © Vetter/pa

München – Der 26. April 1986 war ein sonniger Samstag in München. Im Olympiastadion spielte der FC Bayern gegen Borussia Mönchengladbach. Im Fernduell mit Werder Bremen ging es um die Meisterschaft. Werder musste verlieren, München gewinnen. Während die Mannschaft von Udo Lattek in München ihren Auftrag mit einem souveränen 6:0-Sieg erfüllte, machten es die Bremer beim VfB Stuttgart blutspannend. Erst mit dem Schlusspfiff zum 2:1 für Stuttgart brach der Jubel in München aus: Der FC Bayern hatte den deutschen Meistertitel errungen. Auf dem Balkon des Münchner Rathauses wurde frenetisch gefeiert.

Dass sich an diesem Tag 1744 Kilometer entfernt ein Super-GAU ereignet hatte, ahnte damals in Deutschland niemand. Auch sonst erfuhr im europäischen Westen zunächst keine Menschenseele, welche Katastrophe am Vorabend in der Ukraine um 23.23 Uhr ihren Anfang genommen hatte. Um 1.23 Uhr Ortszeit kam es zur Nuklearkatastrophe am Reaktor-Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat. Vor 40 Jahren gab es den immer befürchteten GAU. In der Kerntechnik steht GAU für Größter Anzunehmender Unfall. Es war der bislang folgenschwerste Unfall in der Geschichte der friedlichen Nutzung der Kernenergie.

Während in München die Fußball-Fans feierten, wurde bei einer Explosion in der damaligen Sowjetunion eine riesige Wolke mit radioaktiven Stoffen freigesetzt, die die Menschen auch in Deutschland lange in Angst und Schrecken versetzen sollte. Der Fallout, der radioaktive Niederschlag, breitete sich zunächst unbemerkt vom Westen in Richtung Polen, Finnland, Schweden und auch nach Deutschland aus.

Es war noch vor den Zeiten von Smartphones und Internet. Sonst hätte sich die Katastrophe sicherlich kurz nach der Explosion in Windeseile über alle Formen von Medien verbreitet. So dauerte es ganze zweieinhalb Tage, bis erste Nachrichten tröpfchenweise aus dem Osten durchsickerten. Am Dienstag, den 29. April 1986, findet sich auf der Titelseite unserer Zeitung oben rechts ein Zweispalter im Kasten mit 34 Zeilen und der Titelzeile: Reaktor-Unglück bei Kiew in der UdSSR. Unterzeile: Hohe Strahlenwerte in Skandinavien gemessen.

Die Moskauer Nachrichtenagentur TASS hatte am Vortag von einem Reaktorunglück berichtet, ohne den genauen Ort zu nennen. Auf Seite 2 der Heimatzeitung wurde dann bereits spekuliert, dass es sich um Tschernobyl handeln könnte. Zunächst wurde auch beschwichtigt: „In Bayern sind keine radioaktiven Auswirkungen messbar“, hieß es noch in der Ausgabe am 30. April/1. Mai. Aber auf drei Seiten wurde über die Katastrophe berichtet.

Dann erreichten die Folgen des Unglücks doch die Bayern mit aller Wucht. Am 2. Mai riefen verschiedene Ministerien dazu auf, keine Frischmilch zu kaufen, Kühe nicht auf die Weide zu lassen und Kinder nach dem Spielen im Freien abzuwaschen. An der Wall Street gibt es den höchsten Tagesverlust aller Zeiten. Unsere Zeitung berichtete von einem Riesenansturm aufs Atomtelefon der Stadt München: „Die Anrufer zeigten sich meist äußerst besorgt. Sie wollten wissen, ob Trinkwasser, Milch oder Gemüse radioaktiv verseucht, ob Kleinkinder und Schwangere gefährdet seien und ob man Hunde und Katzen noch aus der Wohnung lassen dürfe“, so Branddirektor Günther Hölzl.

Vier Wochen nach dem Unglück und aufgeregten Debatten über Grenzwerte und belastete Lebensmittel beruhigte sich langsam die Stimmung. Freibäder wurden wieder eröffnet, der Spargel schmeckte den Bayern wieder, die Kühe durften wieder mit Grünfutter versorgt werden. Nur der Spinat stand noch auf dem Index. Die Anti-Atomkraft-Bewegung aber erhielt enormen Zulauf.

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