Minister Alfred Dick soll beim Pulvertest geschummelt haben.
München – Die verstrahlte Molke sorgte nach der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl noch jahrelang für Aufregung unter den Bürgern. Nach der Explosion hatte Regen die radioaktiven Giftstoffe auf die Wiesen geschwemmt, wo die Kühe grasten. Wohin mit der Milch, die niemand kaufen wollte?
Auf Anregung des bayerischen Landwirtschaftsministeriums wurde die überwiegende Menge in Molkereien zu Käse verarbeitet. Die Molke als Abfallprodukt wurde zu Pulver getrocknet. Ein weißes Gemisch, das pro Kilo mit 5800 Becquerel verstrahlt war. Heute liegt der amtliche Cäsium-137 Grenzwert bei der Milch bei 370 Bequerel pro Kilo.
Die Molkerei Meggle in Wasserburg hatte die größte Menge Strahlenmolke und verarbeitete sie zu über 5000 Tonnen Molkepulver. Das verseuchte Pulver wurde in 242 gemieteten Bahnwaggons gelagert. Eine Art rollendes Zwischenlager. Trotzdem blieb die Frage, wo das Pulver letztlich bleiben sollte. Alle möglichen Variationen wurden diskutiert: Verbrennen, in der Erde vergraben, ins ferne Ausland exportieren oder ans Vieh verfüttern.
Schließlich kaufte das Bundesumweltministerium das Molkepulver der bayerischen Molkerei für 3,8 Millionen Mark als Sondermüll ab. Meggle soll ein Geschäft gemacht haben. Zwischengelagert bei der Bundeswehr wurde es schließlich ins stillgelegte Kernkraftwerk Lingen gebracht, wo es dekontaminiert wurde. Die letzten Säcke des verstrahlten Molkepulvers wurden im Dezember 1990 entsorgt. Die Reinigungskosten sollen 40 Millionen Euro betragen haben.
In Bayern hatte der damalige CSU-Umweltminister Alfred Dick ein knappes Jahr nach Tschernobyl bei einer Pressekonferenz in München für Aufsehen gesorgt. Um zu zeigen, wie angeblich ungefährlich das ominöse Molkepulver ist, hatte der Minister am 3. Februar 1987 einen der in Rosenheim zwischengelagerten Säcke nach München bringen lassen.
Dick ließ vor laufenden Kameras das weiße Pulver über einen Löffel in eine Schüssel rieseln. Und als ihn dann ein Journalist fragte, ob er das Pulver essen würde, zeigte sich Dick furchtlos: Er tauchte einen Finger ins Pulver, leckte daran und erklärte: „Des tut mir nix.“
25 Jahre später soll sein damaliger Pressesprecher laut „Spiegel“ verraten haben, dass der raffinierte Minister zwar den Mittelfinger ins Molkepulver gesteckt habe – abgeleckt habe er aber den Zeigefinger.CM