Christina Käßhöfer unterstützt pflegende Angehörige.
Die meisten Pflegebedürftigen in Deutschland werden von Angehörigen versorgt. © Getty
Starnberg – Es gab eine Zeit in Christina Käßhöfers Leben, in der sie sehr viele Fragen und sehr wenig Antworten hatte. Ihr Vater hatte im Jahr 2002 eine Parkinson-Diagnose bekommen. „Die ersten zehn Jahre haben wir uns noch gut durchlaviert“, erzählt sie. Dann stürzte ihr Vater, ihre Mutter konnte ihm nicht aufhelfen, ein Rettungswagen musste kommen. Es war der Moment, in dem Käßhöfer merkte, dass es ihre Eltern nicht mehr allein schaffen können. Sie wohnte damals noch in Düsseldorf, ihre Eltern in Franken. Also zog sie nach Bayern – und begann, Lösungen zu suchen.
„Am Anfang ist man immer erst mal völlig verloren“, erzählt sie. Wie beantragt man einen Pflegegrad? Wie findet man einen guten ambulanten Pflegedienst? Welche Unterstützungsangebote gibt es? So viele Fragen, mit denen sich die 53-Jährige noch nie beschäftigt hatte. Dazu kamen die emotionalen Herausforderungen, die Momente der Überforderung. „Es war eine Reise wie eine Achterbahnfahrt“, erzählt sie. Ihr Vater sprach nicht über seine Sorgen und Schmerzen. Ihre Mutter schlief schon lange keine Nacht mehr durch. Das Haus war nicht dafür ausgerichtet, dort einen Menschen zu pflegen. Schritt für Schritt kämpfte sich Käßhöfer durch den Dschungel aus Anträgen, suchte Pflegekräfte, hörte sich in ihrem Bekanntenkreis nach Erfahrungen um. „Den Pflegestützpunkt haben wir leider erst viel zu spät genutzt“, erzählt sie. „Die Beratung, die wir dort bekommen haben, hätten wir von Anfang an gebraucht.“
Gleichzeitig verschlechterte sich der Gesundheitszustand ihres Vaters immer mehr. Es wurde immer schwerer, ihn zu stützen oder zu heben. „Wir mussten das richtige Team für die Pflege finden“, erzählt sie. Erst nach einiger Zeit merkte sie, dass er sich leichter tat, wenn die ambulanten Pflegekräfte älter waren. Sie gaben ihrem Vater mehr Zeit für alles.
Christina Käßhöfer hat ihren Vater bis zu dessen Tod gepflegt und dafür zuletzt ihren Beruf als Managerin aufgegeben. Heute lebt sie am Starnberger See – und obwohl sie keine pflegende Angehörige mehr ist, lässt das Thema sie nicht los. Sie möchte anderen die Tipps geben, für die sie damals selbst so dankbar gewesen wäre. „Ich habe nicht die perfekte Lösung für alle Pflegesituationen“, sagt sie. „Und es gibt keine richtigen oder falschen Entscheidungen – nur die besten mit den verfügbaren Mitteln und Kräften, die in einem bestimmten Augenblick möglich sind.“ Das ist ihre Botschaft.
Käßhöfer hat ein Buch geschrieben. Darin hat sie nicht nur ihre Pflege-Geschichte mit ganz persönlichen Einblicken aufgeschrieben. Das Buch soll auch ein Leitfaden sein, der hilft, sich in der komplexen Welt der Pflege zurechtzufinden und konkrete Hilfestellungen bieten. Käßhöfer erklärt, wie man ein Unterstützer-Netzwerk aufbaut, welche Leistungen und Hilfen es gibt, wie man mit den Pflegebedürftigen schwierige Gespräche führt – und auch, wie man sich selbst nicht aus den Augen verliert und Kraft sammelt. „Fürsorge für andere geht nur mit Selbstfürsorge“, betont sie. Um das zu lernen, musste sie erst an ihre eigenen Grenzen kommen. Rückblickend sagt sie: „Ich bin gewachsen in diesen Jahren.“ Sie hat gelernt, auch Schwäche zeigen zu dürfen. „Die Pflege meines Vaters hat mich weicher und sensibler gemacht.“ Heute sieht sie auch die schönen, innigen Momente, die sie mit ihrem Vater hatte, wenn sie an seinem Bett saß und seine Hand hielt. Auch davon möchte sie berichten. Denn sie ist überzeugt, dass die Geschichte ihrer Familie anderen Mut machen kann. Sie würde pflegende Angehörige gerne zusammenbringen. Einen Anfang hat sie gemacht: mit einem Podcast, in dem sie sich mit pflegenden Angehörigen austauscht. Damit will sie zeigen: „Niemand ist mit diesem Schicksal allein.“