Rolf Frasch ist Canyoning-Experte. © Privat
Geehrt in der Hofkirche: Willi Kraus (l.) und Rolf Frasch halten ihre Medaillen in den Händen. © Oliver Bodmer
Einsatz am Jubiläumsgrat: Willi Kraus (l.) mit Kameraden unterwegs Richtung Zugspitze. Das Bild stammt aus der BR-Doku „In höchster Not“. © BR/Timeline Production
München – In lebensfeindlichem Terrain fühlt sich Rolf Frasch pudelwohl. Und nichts anderes sind sie, jene tiefen Schluchten mit steilen Felswänden, unterspült von eiskaltem Wasser. Davon gibt es am Alpenrand von Steingaden bis Sachrang unzählige. Also rottet sich um die Jahrtausendwende eine Spezialeinheit zusammen. Der Industriekletterer Frasch steht 20 Jahre an der Spitze. Die Canyoning-Gruppe rückt aus, wenn Expertise am glitschigen Felsen und im reißenden Wasser gefragt ist. Wenn Menschen in einer Klamm, Gumpe oder an Wasserfällen in Not sind.
„Anfangs gab es kaum spezialisierte Ausrüstung“, berichtet der 64-Jährige. Bis 2010 war er Mitglied der Bergwacht Ohlstadt, danach kam er zur Bergwacht Lenggries. Neoprenanzug und Schuhe mit Gummisohle halten die Einsatzkräfte warm. Beim Equipment wurde die Truppe erfinderisch: „Wir setzen heute auf Seilbahnsysteme. Ein lockeres Seil kann im Sog des Wassers tödlich sein.“
Auch bei der Entwicklung der Schwimmtrage hat Frasch mitgebastelt. Sie schwimmt von selbst, isoliert den unterkühlten Patienten, kann mit der mobilen Seilbahn gezogen und in die Seilwinde am Helikopter eingehängt werden. Am Heckenbach zwischen Walchensee und Kochel etwa hat er die in seiner Laufbahn schon unzählige Male gebraucht. „Es gab Zeiten, da sind die Leute gruppenweise eingestiegen und haben sich nur in Shorts und Bikini mitziehen lassen“, berichtet Frasch. Lebensgefährlich ist das, wenn ein Gewitter den Bach anschwellen lässt.
Der Mann der Schluchten ist auch Hundeführer und Leiter der Skiwacht am Brauneck. Solche Multitalente hat die Bergwacht Bayern viele. Neben Frasch hat Staatsminister Eric Beißwenger (CSU) gestern acht weitere Kameraden für besondere Verdienste mit der Leistungsauszeichnung in Silber geehrt. „Ihr nehmt in eurer Freizeit und ohne Lohn große Risiken in Kauf, ihr seid die Helden der Berge“, sagte Beißwenger in der Hofkirche der Münchner Residenz und verwies auf die 9000 Einsätze der Bergwacht Bayern im vergangenen Jahr. „Hilfe den Menschen – Schutz den Bergen“, steht auf der Medaille, die Ernst-Dieter Wuttig, seit 50 Jahren Mitglied der Bergwacht Bayrischzell, Christian Auer (Marquartstein), Josef Bernegger (Berchtesgaden), Hannes Hörterer (Schleching), Gregor Vizethum (Weiden), Alexander Czornik (Neu-Ulm) und Siegfried Rothmayr (Oberstdorf) jetzt stolz tragen.
Auch Willi Kraus von der Bergwacht Grainau, die der BR in der viel beachteten Doku „In höchster Not“ begleitet, wurde diese Ehre zuteil. Seit über 40 Jahren ist der 58-Jährige rund um die Zugspitze im Einsatz. Mit 16 fing alles an, 16 Jahre lang war er Bereitschaftsleiter. „Ein anderes Ehrenamt ist für mich nie infrage gekommen“, erzählt der Raumausstatter. „Ich bin gerne in den Bergen, und bei der Bergwacht zählt zudem die Kameradschaft.“ Die Ehrenamtler hier müssen zusammenhalten: Beim Alpenhochwasser 2005 evakuierten sie 70 Menschen von der Höllentagangerhütte per Hubschrauber. Zu Corona-Zeiten wurden sie oft heftig angefeindet. Und 2025 erlebten sie das einsatzreichste Jahr ihrer Geschichte. „Zu meiner Anfangszeit mussten wir halt mal am Wochenende ausrücken – heute rücken wir rund ums Jahr zu jeder Zeit aus“, sagt Kraus. 44 Einsätze zählten die Grainauer binnen zwei August-Wochen. Kraus führt den traurigen Rekord auch auf die Sozialen Medien zurück: „Im Sommer hat ein Influencer damit geworben, ohne Erfahrung auf die Zuspitze zu steigen – da kann man nur noch den Kopf schütteln.“ Erst vergangenen Freitag war es wieder so weit: Nach fünf Stunden im Schnee kapitulierten drei Belgier am oberen Klettersteig-Teil. „Sie zeigten auf Fotos vom August und sagten, mit so viel Schnee hätten sie nicht gerechnet.“
Aber was tun, wenn Menschen grob fahrlässig sind? Die Bergwacht fragt nicht, sie hilft. Nur einmal hat Willi Kraus einem Mann den Marsch geblasen. Dieser hatte den Notruf gewählt, um zwei Kinder-Klettergurte „zu bestellen“. Mit zwei Kindern, circa vier und sechs Jahre alt, wartete er mitten im Zugspitz-Klettersteig. Ungesichert hatte er die Kleinen dort wohl auf dem Arm hinaufbugsiert. Die Kinder weinten und hatten sich aus Panik in die Hose gemacht. „Das war einer der wenigen Einsätze, wo ich jemanden richtig zusammengeschissen habe.“ Und trotzdem: Bergwachtler sind Retter, keine Richter.CORNELIA SCHRAMM