Tschernobyl-Kind in einem Erholungsheim. © dpa
Der Kontrollstand im Kraftwerk ist intakt geblieben, und wurde mit Folien verhängt.
Strahlencheck nach dem Rundgang: Alles war im grünen Bereich. © Michael Heinrich (3)
Vor 30 Jahren: Redakteurin Susanne Stockmann zieht sich vor dem Sarkophag-Besuch um.
Als unsere Redakteurin Susanne Stockmann 1996, zehn Jahre nach der Katastrophe, Tschernobyl besuchte, war das Loch in Block IV schon geschlossen worden. © Tass
München/Tschernobyl – Meine Arme sind fest verschränkt. „Nichts anfassen“, erinnere ich mich. Der Weg führt über Metalltreppen, durch Türen, die per Ellbogen für den nächsten offen gehalten werden, durch schmale nach der Katastrophe gebaute Betongänge bis in das Kontrollzentrum des vierten Reaktors von Tschernobyl. Alles ist verstaubt, aber merkwürdig intakt und mit Folie verhängt. Das mulmige Gefühl weicht und macht Platz für Beklemmung und Angst.
Vielleicht ist es doch keine so gute Idee gewesen, frisch verheiratet und mit Kinderwunsch ausgerechnet an einen Ort der größten Katastrophe der Menschheit zu kommen? Vor 30 Jahren war ich im Rahmen einer Recherchereise des Münchner Instituts für Strahlenforschung (heute Helmholtz-Zentrum) in der Ukraine und Weißrussland, dem heutigen Belarus, unterwegs. Von München aus führten nur 1700 Kilometer Luftlinie in eine andere Welt. Zu Menschen, die ich nur kurz kennenlernte, aber bis heute in Erinnerung halte.
Im Kontrollzentrum musste ich an den Ingenieur Piotr Palarmatsschuk denken. Er hatte zehn Jahre zuvor, um 1.23 Uhr in der Nacht vom 26. April 1986, genau hier am Schaltpult gestanden und fassungslos auf die Anzeigen gestarrt. „Ich verstand nicht, was ich sah“, hatte der 45-Jährige erzählt, als wir ihn trafen. Wie sollte er auch verstehen, dass ein Routinetest derart aus dem Ruder gelaufen war: Gerade war das 3000 Tonnen schwere Dach des Reaktors in einer gewaltigen Explosion weggesprengt worden und nach einer 145-Grad-Drehung wieder in das Gebäude gekracht. Das Graphit des Reaktorkerns hatte Feuer gefangen, die Brennstäbe darin schmolzen. Der Reaktor wurde zu einem 2700 Grad heißen Höllenvulkan, der strahlenden Tod ausspuckte und erst zehn Tage später gelöscht war.
„Weiter, weiter“, riss mich der Techniker des Kraftwerks, der uns im Sarkophag begleitete, aus den Gedanken: Im strahlenden Inneren darf man sich nicht zu lange aufhalten. Ein kurzer Blick in den Höllenschlund, wo das geschmolzene Graphit erstarrt war, musste genügen. Der Dosimetrist stellte sein Gerät auf leise – der Warnton war auf Dauer einfach zu irritierend. Bis zuletzt war es unsicher gewesen, ob wir überhaupt ins Innere gelassen werden. Bis dahin war überwiegend Wissenschaftlern Zutritt gewährt worden. Wir neun müssen eine der ersten internationalen Journalistengruppen gewesen sein. „Seit zehn Jahren schuften wir hier für ein sicheres Kraftwerk “, herrschte uns Generaldirektor Sergej Parashin an, als wir später umgezogen und frisch geduscht vor ihm saßen: „Wir haben bewiesen, dass wir aus der Katastrophe gelernt haben.“ Schon die damalige Umweltministerin Angela Merkel hatte mal gesagt: „Es ist nicht sehr lustig, von Herrn Parashin beschimpft zu werden.“ Sein Vorgänger war wegen der Katastrophe zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt worden.
Auf der Weiterfahrt im Bus schrieb ich in mein Notizbuch: „Die Katastrophe hätte noch viel schlimmer kommen können. Hier arbeiten viele Menschen sehr hart und sind ernsthaft um das Wohl der Menschen besorgt.“ 1996, fünf Jahre nach der Unabhängigkeit der Ukraine und Weißrussland von der Sowjetunion, war das Kraftwerk eine Lebensader der Region. Mittlerweile liefert es keinen Strom mehr. Damals waren der sozialistische Mangel, die Armut in den beiden Ländern, überall zu spüren – außer bei den großzügigen Wodka-Rationen bei jedem Essen.
Wir stoppten kurz in der verlassenen Stadt Prypjat. Das rostige Riesenrad, das im Wind knarzt, erinnert wie ein Symbol daran, dass auch ein Restrisiko, wenn es eintritt, dramatische Folgen hat. Die 50.000 Bewohner waren binnen eines Tages mit Bussen evakuiert worden. Anja (37) und ihre Familie, die ich später bei einer Münchner Hilfsorganisation kennenlernte, erzählten: „Wir wurden in den Westen der Ukraine umgesiedelt: In Lemberg waren gerade Wohnungen fertig, auf die manche Leute 15 Jahre gewartet hatten. Sie sagten: Zieht nur ein, wir können ein, zwei Jahre länger warten, bis dahin seid ihr eh tot.“
Nach dem Sarkophag-Besuch hielten wir in einem verlassenen Dorf mitten in der Todeszone. An diesem trostlosen Ort kam Aljona Misichenka (69) neugierig näher. Rentnern war es erlaubt, in der Todeszone zu bleiben. Sie sagte: „Heimat ist Heimat, wo sollen wir hin?“ Sie zeigte uns ihr bescheidenes Häuschen und lud uns ein, wiederzukommen: „Im Sommer ist es wunderschön hier.“SUSANNE STOCKMANN