KOLUMNE

Licht zum Lesen

von Redaktion

„Mach das Licht aus!“, forderten meine Eltern früher, wenn sie mich ins Bett schickten. Ich wollte aber lieber lesen. Lesen bis zum „Gehtnichtmehr“. Vorsichtshalber hatte ich immer eine Taschenlampe zur Hand. Wenn sich meinem Zimmer Schritte näherten, schaltete ich das Licht aus, knipste die Taschenlampe unter der Bettdecke an und las unbemerkt weiter.

„Lesen stärkt die Seele“, schrieb Voltaire. Meine Mutter sagte: „Kind, du frisst die Bücher ja.“ Stimmt. Ich fresse Bücher mit großer Lust nach wie vor. Meine Buchhandlung freut sich darüber. Lesen macht glücklich, traurig, nachdenklich und gescheit, es irritiert und orientiert. Lesen hält lebendig. Bücher sind geistige und seelische Bewegung. In guten wie in bösen Zeiten.

Der Schriftsteller Thomas Mann erkrankte 1946, während seiner Exiljahre in den USA, an Lungenkrebs und musste sich einen Teil seines rechten Lungenflügels entfernen lassen. Ausführlich hat er seine Situation in dem Essay „Die Entstehung des Doktor Faustus. Roman eines Romans“ geschildert, der 1949 veröffentlicht wurde. Mann schreibt:

„Die Schwester der Nachtstunden verfügte über ein sehr lieb zuredendes Lächeln, wenn ich nachts, verdrießlich und störrig im Lehnstuhl kauernd, nicht mehr schlafen, nicht ins Bett zurückkehren wollte. Ich las viel während der langen Liegestunden. You are still reading? You don‘t sleep? Shame on you!“ So zitiert der Schriftsteller den „Engel meiner Nächte“.

Ich war selig als Kind, als ich neben meinem Vater auf dem Sofa liegen durfte. Er erlitt exakt das gleiche Schicksal wie Thomas Mann. Anders als dieser aber, der sich mit Gottfried Kellers „Grünem Heinrich“ befasste, las mein Vater Trivialliteratur wie „Jerry Cotton“, Storys eines FBI-Agenten. Keiner wusste, dass ich mit meinen sieben Jahren schon eifrig mitlas.

Meine Mutter, der Engel meines Vaters, hätte bestimmt „Schundliteratur“ gezetert. Shame on me? Ach was. Später, als ich selbst mit einer bösartigen Erkrankung daniederlag, durchlebte ich die „Unendliche Geschichte“ von Michael Ende und Tolkiens „Herr der Ringe“. Ich war glücklich, mich mit Geist und Seele über alle Grenzen aufschwingen zu dürfen.

„Bücher lesen heißt, wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben, über die Sterne“, sagt Jean Paul. Licht an und her mit den Büchern!

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