Lüftlmalereien am Obermarkt und im ganzen Ort zeigen den Bozner Markt. © Privat
Ein Spielmannszug auf dem Bozner Markt in Mittenwald. © Alpenwelt Karwendel/W. Tuma (2)
Mittenwald – Auf diesem Markt ist allerhand geboten: An einem Stand baumeln rote Weintrauben, am nächsten trinken Landknechte Wein und karteln. Ein Fuhrmann lenkt sein Pferdegespann auf den Platz, während ein Händler exotische Gewürze auf einer großen Waage für eine feingekleidete Kundin abwiegt. Ja, so wie es heute noch eine Lüftlmalerei am „Café Bozner“ in Mittenwald zeigt, könnte er einst ausgesehen haben: der Bozner Markt anno 1600.
Reinhard Nießner, Historiker und Leiter des Mittenwalder Geigenbaumuseums, kennt viele weitere Fassaden in der Marktgemeinde am Fuße des Karwendels, die darüber erzählen. „Im Spätmittelalter begünstigt das Handeltreiben Mittenwald enorm“, erklärt der 37-Jährige. „Das Niederlagsrecht verpflichtete alle Rottfuhrwerke, die unser Alpendorf im Isartal passieren, dazu, ihre Waren hier auch anzubieten.“ Gewürze wie Pfeffer, Wein, Seide und Tee kamen so in die Mittenwalder Haushalte, und Geschäftssinn ließ prächtige Häuser entstehen. „Die wirtschaftliche Prosperität wirkte sich auf die Bildung der Menschen aus: Sehr viele konnten lesen und schreiben, was damals nicht alltäglich war.“
Einige Händler kamen von weit her. Etwa aus Venedig, dem damaligen Umschlagplatz für Luxusgüter schlechthin. Bis ins 16. Jahrhundert war die vermögende Stadt am Meer der wichtigste Handelsknotenpunkt für Gewürze, Zucker, Seide und Baumwolle und selbst Produktionsstätte für Glas, Textilien und Waffen. Güter aus dem Mongolenreich gelangten von dort über die Alpen nach Bad Tölz, München, in die Fuggerstadt Augsburg und hinauf nach Nürnberg. „Mittenwald lag direkt auf jenem Weg – und ab hier war die Isar auch flößbar. Der Wasserweg machte den Warentransport hier erheblich leichter“, sagt Nießner.
Es heißt, ein Streit zwischen Venedig und Bozen habe die Geschäfte in Mittenwald noch lukrativer ausfallen lassen. Nach dem Raubzug auf seine Bleigruben lässt Erzherzog Sigismund „der Münzreiche“ von Tirol 130 venezianische Kaufleute in den Kerker werfen, sodass die tief gekränkten Venezianer ihre Waren fortan nach Mittenwald lenken, heißt es im Volksmund. Fast 200 goldene Jahre (1487 bis 1679) beendet der Dreißigjährige Krieg. 1880 erwähnt der Historiker Joseph Baader in seiner Chronik über Mittenwald den Bozner Markt wieder. Eine Zeit bricht an, in der sich auch die ersten Trachtenerhaltungsvereine gründen. Die Menschen wollen an das erinnern, was einmal war. Und das gefällt den Sommerfrischlern.
Nach dem Ersten Weltkrieg beutelt 1923 die Inflation Bürger wie Marktgemeinde. Ein überregionales Großevent mit Speis, Trank und Tanz soll die Kassen füllen. Das Fest, das damals der Fremdenverkehrsverein mitinitiiert, ist Wiege des heutigen Bozner Marktes, zu dem Mittenwald seit 1987 alle fünf Jahre lädt. Denn schon 1924 und 1929 stemmt das Dorf ein echtes Historienspektakel. Alte Fotografien zeigen: Am Umzug durch den Obermarkt präsentieren sich dutzende Teilnehmer in prächtigen Renaissance-Gewändern, mit Trommeln und prunkvoll geschmückten Fuhrwerken. Der Andrang ist riesig. Sogar von den Schindeldächern der Marktzeile jubeln Zuschauer.
Drei Tage dauert dieses erste Volksfest der besonderen Art. Es gibt Gartenkonzerte und lokales Kunsthandwerk an den Marktständen. Abends leuchten Bergfeuer. Das historische Vorbild dieser Gaudi nehmen die Lüftlmaler fortan zur Inspiration. Und weil den Mittenwaldern Authentizität schon damals wichtig war, schaut heute ein Wächterrat auf jedes Detail. Statt Cola, Limo und Bier gibt es Südtiroler Edelvernatsch und Säfte aus heimischem Obst. Selbstverständlich aus dem Tonkrug, nicht aus dem Glas oder Plastikbecher. Ritter, Zauberer und jegliche Art von „Fantasy“-Figuren sind verboten – genau wie Polyester. Mittenwald feiert mit dem Bozner Markt ja nicht das dunkle Mittelalter, sondern die blühende Renaissance. Mit einer Extraportion Italo-Flair.