Kopylovo bei Kiew, Mai 1986: Ein sowjetischer Techniker untersucht ein Baby auf Strahlenbelastung. Von dem Reaktorunglück waren viele Kinder betroffen. © Boris YURCHENKO
Ukrainische Urkunden für Margarete Brunnhuber.
In Kiew: Werner und Margit Brunnhuber, Katja, Annja mit Mascha. Links der Familienvater. Fotograf war Roman.
Das Zentrum der Katastrophe: der Reaktor von Tschernobyl, der am 26. April 1986 explodiert war. © epa Tass
Sauerlach – Margarete Brunnhuber sieht ihn immer noch vor sich. Den Buben, der abseits von den anderen Kindern steht, die gerade am Münchner Willibaldplatz aus einem Bus gestiegen sind. Es ist 1991, die Kinder kommen aus der Ukraine, wo fünf Jahre zuvor die Hölle ausgebrochen war. Am 26. April 1986 um 1.23 Uhr Ortszeit war Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl explodiert. Jetzt sollen die Kinder aus der Region drei Wochen Ferien machen. Viele bayerische Familien wollen helfen, jede sucht sich ein Kind aus. Margarete Brunnhuber geht damals zu dem Buben, Roman, elf Jahre alt, und nimmt ihn mit nach Sauerlach. Was damals noch niemand ahnt: Roman wird noch oft zu den Brunnhubers kommen.
Am Anfang ist es holprig. Roman kann kein Deutsch, Margarete Brunnhuber, ihr Mann und ihre beiden Söhne sprechen kein Russisch. Aber sie haben einen Zettel mit den wichtigsten Sätzen: Ich habe Hunger, Durst, bin müde, friere. „Mit Händen und Füßen ging es“, erinnert sich Margarete Brunnhuber. Erst ist es schwierig, für ihn zu kochen, weil er die Gerichte nicht kennt. Mit anderen Gastfamilien machen sie Ausflüge mit dem Bus. Ins Erlebnisbad nach Wasserburg, auf den Wendelstein. Margarete Brunnhuber nutzt ihre Kontakte für kostenlose Eintritte. Und so beginnt ihr Engagement für die Tschernobyl-Kinder. Im ersten Jahr holt sie mit ihren Mitstreitern 600 Kinder nach Bayern.
Mit Roman und seinen zwei Schwestern, die in den Folgejahren mitkommen, erlebt die Familie schöne Tage. Die ukrainischen Kinder werden mit Dirndl und Lederhosen eingekleidet, sie gehen mit auf Trachtenfeste. „Sie waren wie Familie.“ Als sie mal durch München spazieren, sagt Roman zu jedem „Grüß Gott“. „Der ist gar nicht mehr fertig geworden“, erinnert sich Margarete Brunnhuber. „Ich hab ihm erklärt, das macht man nur auf dem Dorf.“
Bald ist die Aktion so groß, dass die Ehrenamtlichen den Verein „Hilfe für die Tschernobyl-Kinder“ gründen. Über die Jahre können 5000 Kinder dank Spenden unbeschwerte Ferien verbringen. Margarete Brunnhuber begleitet Busse, fährt in die Ukraine, bis heute etwa 50 Mal. Vier- bis fünfmal im Jahr machen sie einen 40-Tonner voll mit Hilfsgütern. Auch Romans Familie besucht sie mit ihrem Mann, die Eltern zeigen ihnen ihre Heimatstadt Kiew, bedanken sich immer wieder für die Hilfe. Als es Probleme mit den Visa für die Urlaubskinder gibt, spricht sie persönlich in der Deutschen Botschaft in Kiew vor. Ständig verschwinden Hilfsgüter in dem korrupten Land. Margarete Brunnhuber kontrolliert persönlich, ob der vom Verein gekaufte Staubsauger wirklich in dem vorgesehenen Kindergarten ankommt. Auch ein Waisenhaus besucht sie, der karge Bau ohne sanitäre Anlagen schockiert sie. Es wird immer schwieriger: Der Zoll lässt die Hilfslieferungen nicht durch, die Lebensmittel verderben. „Wir haben gemerkt, dass wir an unsere Grenzen stoßen.“
Die Ehrenamtlichen wollen den Verein auflösen, doch es ist noch Geld da. Das wollen sie in der Ukraine verteilen, danach, so der Plan, ist Schluss. Dann bricht 2014 der Krieg um die Krim aus. Und Margarete Brunnhuber denkt sich: „Ich kann doch nicht einfach zuschauen.“ Der Verein wird umbenannt in „Hilfe für die Ukraine“ – und wird auch im aktuellen Krieg wieder gebraucht.
Manchmal wird es selbst Margarete Brunnhuber zu viel. Im Dezember 2022 startet sie einen Aufruf für einen Hilfstransport. Innerhalb weniger Stunden stehen 60 Tonnen Hilfsgüter vor ihrem Haus, es regnet, alles ist nass. Mit Mitstreitern packt sie die kaputten Kartons um und bringt sie an die ukrainische Grenze. Dass das doch irgendwie geklappt hat, und dass sie in engem Kontakt zu Flüchtlingen steht, die der Verein nach München geholt hat, die hier eine Wohnung und Arbeit gefunden haben, lässt sie weitermachen. Für ihr Engagement bekam sie 2024 das Bundesverdienstkreuz.
Zu den Tschernobyl-Kindern hat sie noch Kontakt. Roman verfiel dem Alkohol, lebte auch auf der Straße. Von Romans Schwestern Katja und Annja aber hört Margarete Brunnhuber regelmäßig. Annja bekam als junge Frau ein Kind, das wegen der Strahlung mit einer Gaumenspalte geboren wurde. Mascha. Mit ihr war die Sauerlacherin bei Spezialisten, um sie untersuchen zu lassen. „Sie schickt oft Fotos, schreibt, dass es ihnen gut geht“, sagt Margarete Brunnhuber. Das ist für sie das Wichtigste, nach all den Jahren.CARINA ZIMNIOK