Ausgezeichnet: Ex-Finanzminister Theo Waigel erhielt von Christiane Goetz-Weimer am Tegernsee den „Freiheitspreis der Medien“. © Thomas PLETTENBERG
München – Die Kulisse ist auch diesmal malerisch. Über den Tegernsee spannt sich ein blassblauer Himmel, die Wolken sind allenfalls ein zarter Schleier, dazu weht eine milde Brise. Rein optisch hätte der Ludwig-Erhard-Gipfel gestern kaum besser beginnen können.
Atmosphärisch liegen die Dinge ein bisschen anders. Da haben in den vergangenen Monaten heftige Stürme den Gipfel umtost, und Ruhe ist bis heute nicht eingekehrt. Der Veranstaltung, elf Jahre lang ein Treffen von Wirtschafts- und Politprominenz, ist das zweite Standbein weggeknickt. Die Verbindung zwischen Unternehmen und Politikern ist nicht mehr der Markenkern, eher der wunde Punkt.
Schon bei der elften Auflage im Mai 2025 hat sich das abgezeichnet, da war ihr Veranstalter Wolfram Weimer gerade als Kulturstaatsminister in die Bundesregierung eingetreten. Formal hat er versucht, alten und neuen Job zu trennen, indem er seine Gesellschafteranteile an einen Treuhänder überschrieb. Allerdings liegt die alleinige Geschäftsführung nun in den Händen seiner Ehefrau.
Schon dieses Konstrukt überzeugte nicht. Wirklich fatal wurde es aber, als herauskam, dass die Veranstalter Geschäftskunden mit dem Hinweis umwarben, man könne auf dem Gipfel „Einfluss“ nehmen auf die politischen Entscheidungsträger. Seitdem ist der Ruf lädiert. Tenor: Aus politischer Nähe sollte wirtschaftliches Kapital geschlagen werden.
Die Formulierung war mindestens unglücklich, das räumen auch die Veranstalter heute ein. Vor allem aber war sie in ihrer Wirkung toxisch. Die politische Elite macht nun einen weiten Bogen um den See, und das liegt nicht nur an schwierigen Verhandlungen in Berlin. Der Kanzler, sein Vize, mehrere Minister, sie alle haben ihre Teilnahme bereits vor Monaten abgesagt. Wer noch kommt, stammt aus der zweiten Reihe (Philipp Amthor) oder der Vergangenheit (Annegret Kramp-Karrenbauer, Armin Laschet). Am prominentesten ist noch Ex-Finanzminister Theo Waigel (87), der gestern den „Freiheitspreis der Medien“ erhielt.
Auch landespolitisch fällt die Gästeliste bis auf Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger überschaubar aus. Markus Söder, der quasi zum Inventar gehörte, ist seit diesem Jahr nicht mehr Schirmherr und erklärte die Distanz auch mit dem Hinweis, es dürfe „kein Gschmäckle“ entstehen. Es gibt keinen Staatsempfang mehr und keine Zuschüsse durch eine Tochter der Förderbank LfA. Insgesamt sind in den vergangenen Jahren aus diversen Töpfen rund 700.000 Euro vom Freistaat an den Tegernsee geflossen.
Die AfD fordert deswegen nun einen Untersuchungsausschuss im Landtag, doch der Antrag dürfte schon daran scheitern, dass sie nicht die nötigen 20 Prozent der Mandate hat. Die Partei hat ein schwieriges Verhältnis zum Gipfel. Sie bekämpft ihn, wäre aber auch gerne Gast. „Seit jeher“ versuche die AfD, einen Fuß in die Tür zu kriegen, sagt Christiane Goetz-Weimer, doch als Hort liberaler Grundhaltung werde man ihr „keine Bühne geben“. Ebenso verhalte es sich bei den Linken. Dass bis einen Tag vor Gipfelbeginn nicht bekannt war, wer dort eigentlich auftritt, erklären die Veranstalter auch mit dem Agieren von rechts. Man habe die Redner nicht in die Verlegenheit bringen wollen, von alternativen Medien angegangen zu werden.
Sowohl die Zahl der Teilnehmer als auch der Redner sei ähnlich hoch wie zuvor, heißt es. Eine Absage sei nie ein Thema gewesen, allen Turbulenzen zum Trotz. Überhaupt hofft Goetz-Weimer, dass von Gut Kaltenbrunn auch in diesem Jahr ein Impuls ausgeht. Mitten hinein in die reformträge Politik in Berlin, wo ein Umdenken und Umlenken so nötig sei. Sie nennt ihr Ansinnen den „Tegernseer Appell“.MARC BEYER