Untermenzings erster Maibaum im Jahr 1976. © Privat
Mit viel Fingerspitzengefühl: Theresa Baier wendet den 29-Meter-Maibaum mit dem Radlader.
Glatt wie ein Baby-Popo: Ist die Rinde ab, wird der Maibaum geschliffen und angemalt. © Luderschmid
Gemeinschaftsprojekt: Diese Untermenzinger rund um Theresa Pfeil (vorne links) und Ferdinand Schmidbauer (rechts) werkeln seit Tagen am Maibaum. © Astrid Schmidhuber (2)
Untermenzing – Vielleicht war es der Zorn Gottes. Nur vier Wochen lang ragte der Maibaum in voller Pracht in die Höhe. Dann verdunkelte sich der Himmel – und der Blitz zischte ins weiß-blaue Stangerl. Ein riesiger Spalt fraß sich Richtung Boden. Unzählige kleine Risse wurden zur Gefahr. Also kam der Maibaum weg und die Untermenzinger Maibaumtruppe musste schon im Jahr darauf wieder einen fällen, schäpsen und bemalen – und mit reiner Muskelkraft vor Sankt Martin zum Stehen bringen.
Harald Bast steht am diesjährigen Prachtbaum. Er ist entlang eines alten Bauernhauses aufgebockt. Heute muss der 67-Jährige lachen, wenn er vom Super-GAU Ende der 90er-Jahre erzählt: „Unser damaliger Pfarrer Willi Schuster hatte uns immer ermahnt: Der Maibaum dürfe nie höher als der Kirchturm sein.“ Pfarrer Schuster, genannt Taifun, war ein resoluter Mann. „Mit ihm diskutierte man nicht. Aber mit dem besagten Maibaum damals wollten wir‘s eben einfach mal wissen.“ Bast ist ein Maibaum-Pionier Untermenzings. 1976 stellten er und ein paar Ministranten den ersten im Dorf auf. Und seit dem Blitzschlag war nie wieder einer höher als der wuchtige, spätgotische Kirchturm. So viel Ehrfurcht muss sein.
Bis heute ist der Maibaum in diesem Dorf inmitten der Großstadt München fest in der Hand der Ministranten. Ferdinand Schmidbauer ist einer von ihnen. Eigentlich stecken er und Zwillingsbruder Hannes gerade mitten im Abitur – am Dienstag war Deutsch dran, am heutigen Donnerstag ist es Englisch. Aber so ein Maibaum wird eben nur alle vier Jahre aufgestellt. Da können die Burschen unmöglich fehlen. Gelernt wird also da, wo seit Sonntag gewerkelt wird. Denn erst da hat der 30-köpfige Trupp den Baum aus der Aubinger Lohe zum Hof der Familie Wähler gebracht.
„So müssen wir wegen möglicher Diebe nur sechs Nächte Wache halten“, erklärt Ferdi Schmidbauer und deutet auf das große Pfadfinderzelt im Hof. Das ist für die Wächter – sofern sie schlafen. Denn was ist schöner als eine Nacht an der Feuerschale? Sie sind stets auf der Hut, die Allacher Burschen sollen ein Auge auf den Nachbarsbaum geworfen haben. „Angst haben wir aber keine“, sagt Schmidbauer und lacht. Nur einmal kam Untermenzing ein Baum abhanden, erinnern sich Harald Bast und Oliver Becker. 1990, als Sturm Wiebke die Wälder verwüstet zurückgelassen hatte, schlugen die Gilchinger Burschen zu. „Das war aber unrechtmäßig, damals lag der Maibaum noch nicht auf unserem Gemeindegebiet“, fachsimpelt Becker.
Der 50-Jährige ist heuer wieder extra aus Hamburg angereist. Auch aus Freiburg im Breisgau und Miesbach kommen die Oldies aus dem Maibaum-Trupp angepilgert. Schon heute Abend steigt hier am Hof ein Fest für alle Helfer, am morgigen Tag der Arbeit stellen dann 24 Madeln und Burschen den Maibaum auf. Pfarrer Martin Joseph wird den Segen spenden, und alte Hasen wie Becker Expertise an den Schwalben.
29 Meter ist der Maibaum heuer lang. „Zweimal haben wir grundiert und zweimal weiß und zweimal blau gestrichen“, berichtet Theresa Baier. Wenn es ans Wenden ging, saß die 29-Jährige als Bauingenieurin jedes Mal am Steuer des Radladers. Da braucht’s Fingerspitzengefühl. Hannes Bräutigam (50) ist schon immer fürs Nageln und Binden zuständig, damit das Muster am Ende schön gleichmäßig verläuft. Den Pinsel mit der leuchtend blauen Farbe hat heuer auch Harald Basts Enkel Leon zum ersten Mal geschwungen.
„Das Schöne ist, dass der Maibaum bei uns ein Generationenprojekt ist“, sagt Bast. Mit jedem Maibaum wuchs die Gemeinschaft im Dorf. „Alte Dias zeigen, dass das Aufstellen anfangs noch kein großes Event war. Unsere Kerntruppe war ziemlich überschaubar und Tracht damals noch nicht ‚in‘.“ Der erste Untermenzinger Maibaum 1976 war noch nicht mal geschäpst. Er wurde samt Rinde und einem geflochtenen Kranz mit weiß-blauen Bändern aufgestellt. Heuer saßen Theresa Pfeil und ihre Crew allein an den 20 Schildern gut 200 Arbeitsstunden. Der Metzger, der Bäcker, der Jäger, und die Feuerwehr – alle sind darauf vertreten. Und freilich auch die Kirche, die über Untermenzings Maibaum wacht.CORNELIA SCHRAMM