Eine Schulbegleiterin unterstützt ein Mädchen im Klassenzimmer bei den Aufgaben. © imago
München – Die Zahlen sind alarmierend: Immer mehr Kinder müssen von Schulbegleitern unterstützt werden. Die Zahl der Kinder, die wegen Beeinträchtigungen wie ADHS, Konzentrationsproblemen, mangelnder Impulskontrolle, Aggressionen oder Ähnlichem eine Schulbegleitung haben, hat sich von 2018 bis 2024 mehr als verdoppelt. Vor acht Jahren waren es laut Sozialministerium noch 2755 registrierte Schulbegleitungen, vor zwei Jahren bereits 6842 Fälle. Tendenz steigend.
Es gibt Klassen, in denen gleich mehrere Schulbegleiter sitzen. Doch nicht mehr lange, wenn es nach einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe geht, die Milliarden im sozialen Bereich einsparen will: Bei der Schulbegleitung von Kindern mit Behinderung oder Lernschwierigkeiten könnte es weniger individuelle Begleiter geben. Stattdessen wäre ein Betreuer aus einem Pool von Schulbegleitern für mehrere Kinder in der Klasse zuständig.
Das klingt nach Kahlschlag, stößt in Bayern aber durchaus auf offene Ohren. Auch wegen der Kosten. Denn die individuelle Schulbegleitung ist „gut gedacht – aber nicht finanzierbar“, sagt Thomas Karmasin (CSU). Er ist Präsident des Landkreistags und Landrat in Fürstenfeldbruck. Sein Landkreis unterstützte vergangenes Jahr 107 Schüler, das kostet zwei Millionen Euro im Jahr. Die Pool-Pläne hält er für einen Schritt in die richtige Richtung, betont aber: „Niemand will einem Kind die Hilfe verwehren, die es braucht.“
Der Kurs der Staatsregierung geht in die gleiche Richtung. Schon vor gut einem Jahr hat Kultusministerin Anna Stolz mit Vertretern des Bezirks Oberbayern eine Vereinbarung zum Pooling von Schulbegleitungen an Förderschulen unterzeichnet. Denn auch die Zahl der Kinder, die aufgrund körperlicher oder geistiger Behinderungen Unterstützung brauchen, wächst. Das Sozialministerium zählte 2015 insgesamt 18.685 Fälle, 2024 waren es bereits 20.085. Die Bezirke gaben 2024 rund 678 Millionen Euro aus – im Wesentlichen für Schulbegleitungen. Damals sagte Stolz, sie würde sich wünschen, dass Pooling in Bayern zur Selbstverständlichkeit wird. Also auch an Regelschulen. Vorteile sehen Experten auch darin, dass Stigmatisierungen verhindert werden: Die betroffenen Schüler fühlen sich nicht als besonders hilfsbedürftig.
Der Sozialverband VdK spricht sich entschieden gegen Kürzungen bei den Schulbegleitungen aus. Kinder und Jugendliche mit hohem Unterstützungsbedarf seien auf diese individuell zugeschnittene Hilfe angewiesen. Pooling-Lösungen seien für solche Fälle nicht geeignet.
Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands BLLV, kennt den Schulalltag bestens, sie war 15 Jahre lang Rektorin. Vor allem an der Mittelschule sei die Zahl der Schulbegleiter besonders hoch. Sie sagt: „Natürlich brauchen wir Schulbegleiter.“ Aber eine Eins-zu-eins-Betreuung könne auf Dauer nicht funktionieren. Sie erzählt von einem Kind, das an ADHS leidet, sich aber gut im Griff hat und den Schulalltag bewältigen kann. Aber alle drei Wochen raste das Kind aus. Dann ist der Schulbegleiter gefragt. In der restlichen Zeit sitzt er ohne Aufgabe im Klassenzimmer. Manchmal neben zwei, drei Kollegen. Das ist für die Lehrkräfte oft irritierend. Und die Frage sei, ob nicht eine Kraft für mehrere Schüler zuständig sein kann.
Allerdings besteht Fleischmann darauf, das große Ganze zu betrachten. Das Schulsystem sei alles andere als inklusiv. Schulbegleitungen seien da nur ein Feigenblatt. Schlecht bezahlte Schulbegleiter, die nur Kurse absolvieren, ansonsten aber keine pädagogische Ausbildung haben, „starren auf das betreute Kind und warten, bis sie helfen können, es an das System anzupassen“.
Simone Fleischmann stellt fest, dass immer mehr Familien Probleme mit Armut, Arbeitslosigkeit oder den Krisen auf der Welt haben. Die Kinder bräuchten ein Schulsystem, dass es möglich macht, ein gutes Leben zu meistern – trotz der Rucksäcke, die sie tragen müssen. Ihre Vision wäre ein Zwei-Pädagogen-System in jeder Klasse. In Zeiten leerer Kassen und akuten Lehrermangels, das ist Fleischmann klar, ist das utopisch. Sie sieht Chancen in der Pooling-Lösung, ist aber der Ansicht, dass Schulleiter den konkreten Einsatz am besten planen können. „Nur sie wissen genau, welche Art von Hilfe die Kinder brauchen.“CARINA ZIMNIOK