Mit dem Chef der Feuerwehrschule in Gomel freundeten Rudolf Künig (links) und Gernot Roßmanith sich schnell an.
Am Ort des Unglücks: Der Kommandant aus Gomel nahm Gernot Roßmanith und Rudolf Künig mit zu dem Tschernobyl-Reaktor.
Gemeinsame Erinnerungen: Rudolf Künig und Gernot Roßmanith blättern zusammen durch Unterlagen und Fotos zu ihrer Tschernobyl-Hilfe. © msc
Putzbrunn – Gernot Roßmanith steht in einem Krankenhaus in Gomel. 100 Kilometer vom ukrainischen Tschernobyl entfernt. Das Reaktorunglück ist gerade neun Jahre her. Doch das Leid, das der Feuerwehrmann aus Putzbrunn an diesem Tag sieht, ist riesengroß. Die meisten Menschen aus Tschernobyl wurden nach Gomel evakuiert – denn die Stadt ist von den Atomwolken weitestgehend verschont geblieben. Doch das Krankenhaus ist völlig überlastet mit den vielen Schwerkranken. In den Stockbetten liegen Kinder und Jugendliche. Alle sind gezeichnet von der Katastrophe, die meisten von ihnen werden nicht mehr lange leben. Es fehlen nicht nur Kleidungsstücke für die Menschen, die alles verloren haben. Sondern vor allem Verbände, Medikamente, Infusionen, Einwegspritzen. Die Momente im Krankenhaus prägen sich Romanith unauslöschlich ins Gedächtnis. Als er zurück bei seiner Familie ist, geht er in das Zimmer seines Sohnes und nimmt ihn fest in den Arm. Noch heute kommen ihm manchmal die Tränen, wenn er von seinem ersten Besuch in Gomel erzählt.
1995 ist Roßmanith in einen Lastwagen gestiegen und die 2000 Kilometer nach Weißrussland gefahren, weil der Personalchef seiner Firma eine Tschernobyl-Hilfe organisiert hatte. Als Feuerwehr-Kommandant hatte er den Lkw-Führerschein und bereits Erfahrung mit Hilfstransporten gesammelt. Doch auf die Eindrücke in Gomel ist er nicht vorbereitet. Er bringt die Hilfsgüter aus Deutschland zur dortigen Feuerwehr – und sieht, wie unzureichend die Einsatzkräfte ausgerüstet sind. Schon auf der Rückfahrt steht für ihn fest: Die Hilfe muss weitergehen.
Zu Hause findet er schnell einen Verbündeten: Rudolf Künig, Kommandant der Feuerwehr in Haar. Die beiden sind schon lange befreundet, können sich aufeinander verlassen. Sie verbindet der Wunsch, die Feuerwehr in Gomel zu unterstützen. Die meisten Feuerwehrmänner, die direkt nach dem Reaktorunglück im Einsatz waren, starben schon kurze Zeit später. Doch auch nach vielen Jahren sind die Berufsfeuerwehrmänner aus Gomel ständig in der Tschernobyl-Schutzzone im Einsatz. Sie müssen darauf achten, dass im Todesstreifen kein Feuer ausbricht und radioaktiver Staub in die Luft gewirbelt wird. Deshalb wird rund um das Atomkraftwerk regelmäßig Wasser versprüht. Doch die Einsatzkräfte haben für diese Aufgabe keine Strahlenschutzanzüge – und auch sonst keine gute Ausrüstung.
In Bayern beginnen Roßmanith und Künig damit, Spenden zu sammeln. Nicht mehr nur Kleider und andere Hilfsgüter. Sondern auch Material für die Einsatzkräfte. „Viele Feuerwehren spendeten Atemschutzgeräte, Schläuche, Motorspritzen oder Notstromaggregate“, erzählt Roßmanith. „Die Hilfsbereitschaft war riesengroß“, sagt Künig.
Jedes Jahr an Ostern fahren die beiden Kommandanten mit einem großen Lkw nach Weißrussland. Vorher nehmen sie Jodtabletten – zum Schutz vor der Strahlung. „Angst hatten wir nie“, sagt Roßmanith heute, 40 Jahre nach dem Reaktorunglück. Die Erinnerungen sind gerade wieder ganz nah, seit Tschernobyl zum Jahrestag des Unglücks so viel in den Medien ist. Neben ihm am Küchentisch sitzt Rudolf Künig, er betrachtet nachdenklich ein altes Bild. Es zeigt die beiden Kommandanten im April 2000 vor dem Unglücks-Reaktor. Die Feuerwehr hatte sie damals dorthin mitgenommen, berichtet der 85-Jährige. Die Landschaft sah fast wieder normal aus, erinnern sich die beiden. Grüner als erwartet. Und viel hügeliger als erwartet. Erst durch Nachfragen erfuhren sie, dass unter den Hügeln die Reste ehemaliger Dörfer verschüttet lagen. Die meisten Häuser, die noch standen, waren unbewohnt. „In einem Haus lebte noch ein altes Ehepaar“, erzählt Roßmanith. Die beiden hatten die Evakuierung verweigert. Sie lebten seitdem völlig auf sich gestellt, wie in einer Geisterstadt.
Begegnungen wie diese vergisst man nicht. Insgesamt sieben Jahre sind die beiden Freunde mit Hilfsgütern an Bord immer an Ostern nach Gomel gefahren. Doch der neue belarussische Präsident Alexander Lukaschenko verschärfte die Auflagen für Hilfstransporter Anfang der 2000er-Jahre. „Alle Kleidungsstücke hätten gewaschen werden müssen, für jede Spende wäre ein Nachweis nötig gewesen“, sagt Roßmanith. So war die Hilfe für die beiden Kommandanten nicht mehr möglich. Auf ihrer letzten Rückreise 2001 machten sie Rast an einer Tankstelle, saßen dort nebeneinander auf der Bank. Ein Moment, in dem keiner von beiden Worte hatte. Gernot Roßmanith und Rudolf Künig wussten, dass es ihre letzte Fahrt war. Und dass ihre Freunde von der Feuerwehr Gomel nun auf sich gestellt sind.