Der Angeklagte im Gerichtssaal. © Wunderlich/dpa
München – Das Medikament, das Menschen das Bewusstsein raubt, soll er in den Spezi gemischt haben. Oder in den Wein. Oder in den Lillet Wildberry. Bei Treffen in seiner Wohnung, auf Partys, immer wieder. Ein Notfallsanitäter (28) aus Schongau steht seit gestern vor dem Landgericht München II, weil er mehrere Frauen betäubt haben soll. Mehrmals nutzte er den Zustand laut Anklage für sexuelle Übergriffe aus.
Drei Frauen, alle wie er beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK) aktiv, werfen ihm die Taten vor. Zum Prozessauftakt bestritt der Mann alle Delikte. Er äußerte die Vermutung, zumindest zwei von ihnen hätten sich für ein Komplott gegen ihn zusammengetan.
Laut Staatsanwaltschaft traf er sich im Jahr 2019 während mehrerer Monate in seiner Heimat Garmisch-Partenkirchen mit einer damals 16-Jährigen. Fünfmal soll er ihr in Drinks das Medikament Midazolam verabreicht haben, ein Beruhigungsmittel, das zur Ausstattung eines Rettungswagens gehört. Bei einer Gelegenheit habe er die Bewusstlose mit einem Finger penetriert, bei einer anderen ihre Brüste gestreichelt.
Später im selben Jahr soll er das Mittel bei drei Gelegenheiten seiner damaligen Lebensgefährtin gegeben haben. Einmal habe er sie gefesselt und unbekleidet fotografiert. Drittes Opfer war laut Anklage eine Kollegin der Rettungswache. Das Midazolam soll er ihr an einem Abend im Mai 2023 zweimal eingeflößt haben, ohne dass es zu einem Übergriff kam.
Vor der Vorsitzenden Richterin Gunilla Evers äußerte sich der Angeklagte wortreich zu den Vorwürfen – und hatte auf nahezu alle eine Erklärung parat. Mit dem Medikament habe er nur seine Schlafstörungen behandelt, sagte er. Er habe es sich beschafft, indem er ausgemusterte Ampullen aus der Rettungswache mitnahm. Die junge Frau aus der Jugendgruppe habe ihm mehrmals Avancen gemacht, sich auch einmal in seiner Wohnung vor ihm ausgezogen. Er habe das strikt abgelehnt, sagte er. Daraufhin habe sie ihm gesagt: „Man sieht sich immer zweimal im Leben.” Das werde er bereuen.
Ungefähr zu der Zeit kam er mit seiner Freundin zusammen. Der Polizei sagte die Frau: „Er stand darauf, wenn man hart betrunken war, fast an der Grenze zur Bewusstlosigkeit.” Der 28-Jährige gab zu, es habe ihm gefallen, wenn seine Partnerin betrunken war, denn dann habe er sich um sie kümmern können. Eine sexuelle Motivation sei nicht im Spiel gewesen, aber: „Es ekelt mich vor meinem damaligen Ich.”
Fesselspiele und nackte Fotoaufnahmen von der Freundin habe es gegeben – jedoch einvernehmlich. Bei Sichtung der Fotos sagte Evers: „Es sieht aus, als würde sie schlafen.” Das stritt der Angeklagte ab. Das BRK habe er mittlerweile verlassen. Er räumte ein, zu seiner Zeit als Sanitäter tatsächlich einer Kollegin das Mittel gegeben zu haben – gegen ihren Willen. Damit habe er sie jedoch nur aufpäppeln wollen. Das Verfahren soll bis Mitte Juni dauern.TOM SUNDERMANN