Der weite Weg zur Musterung

von Redaktion

Kein einziger Standort in Oberbayern: Zentren in Regensburg und Kempten

Wut über die Wehrpflicht: der „Schulstreik“ am Freitag bei einer Demo in München. © Ehsan Monajati/dpa

München – „Leben Sie mit der Lage“, lernten einst hunderttausende Wehrpflichtige von ihren Ausbildern. Also: Bedingungen hinnehmen, mit allem klarkommen. Das gilt nun auch für den Wiederaufbau der Wehrpflicht in Bayern. In Teilen des Landes gibt es Murren über die Verteilung der geplanten Musterungszentren, keines liegt im größten Regierungsbezirk Oberbayern – aber die Politiker aus der Region nehmen das hin. Und wer fortan zur Musterung antreten muss oder will, lebt mit der Lage, durch halb Bayern zu fahren.

In den neuen Musterungszentren sollen junge Menschen ab Mitte 2027 auf körperliche, psychische und intellektuelle Eignung für die Bundeswehr untersucht werden. Von den 24 neuen Zentren werden zwar vier in Bayern liegen. Sie sind aber regional anders verteilt. In Kempten (Schwaben), Regensburg (Oberpfalz) und Würzburg (Franken) entstehen neue Areale, das in Nürnberg wird ausgebaut. Gerade der Süden Oberbayerns – der Bundeswehr durch Tradition und viele Standorte enger verbunden – muss sich auf lange Wege gefasst machen.

Das Standortkonzept kommt vom Verteidigungsministerium; SPD-geführt. Man habe dafür „Daten der statistischen Bevölkerungsverteilung ausgewertet“ und rechne, wo man viele Bewerber erwarte. Also nicht in Oberbayern? In der CSU gibt es gerade im Süden Stirnrunzeln. Da sei eine „riesige Lücke“, murren auch Abgeordnete (die vorher nicht informiert wurden). Beispiel: Wer aus Rosenheim zur Musterung muss, hat 200 Kilometer Autofahrt nach Regensburg oder Kempten vor sich, oder zweieinhalb bis drei Stunden Zug.

München hat allerdings einen Vorteil: Hier ist und bleibt der Sitz des Karrierecenters der Bundeswehr, das für Bayern zuständig ist. Hier wird individuell beraten und getestet, außerdem gibt es Hilfe für ausscheidende Soldaten bei ihrer Eingliederung ins zivile Leben. „Aus meiner Sicht ist das vertretbar“, sagt deshalb der CSU-Verteidigungspolitiker Florian Hahn. Das Karrierecenter werde von den Musterungszentren ergänzt. In der Summe sei die Bundeswehr auch im Bereich der Nachwuchsgewinnung „flächendeckend in Bayern präsent“, sagt Hahn, der Staatsminister im Auswärtigen Amt ist.

Aus SPD und CSU gibt es vor allem von den Abgeordneten aus Würzburg, Regensburg und Kempten freudige Reaktionen. Politiker aus Ostbayern verweisen darauf, dass die Region angesichts des drohenden US-Teilabzugs dringend gestärkt werden müsse.

Weitere Musterungszentren in Deutschland: Bonn, Dresden, Hamburg, Kassel, Kiel, Koblenz, Leipzig, Magdeburg, Neubrandenburg, Oldenburg, Potsdam, Saarlouis, Schwerin, Ulm und Wiesbaden, weitere sollen in Offenburg, Bielefeld, Braunschweig, Dortmund und Jena entstehen. Das erste Zentrum soll nach Angaben des Ministeriums voraussichtlich noch in diesem Jahr seine Arbeit aufnehmen. Treffen soll das mittelfristig alle jungen Männer ab dem Jahrgang 2008. Ziel ist, trotz der angestrebten freiwilligen Wehrpflicht ausnahmslos alle zu mustern – auch wenn eine Wehrdienstverweigerung angekündigt ist.

Unterdessen nehmen mehrere tausend Schüler ihre umstrittenen „Schulstreiks“ gegen die Wehrpflicht wieder auf. Am Freitag schlossen sich nach unbestätigten Veranstalter-Angaben bundesweit 45.000 Schüler in 150 Städten an, auch in München und Ingolstadt. Der nächste Streiktag ist für Herbst geplant. Hinter der Kampagne stehen teils linksextreme Organisationen. Gezeigt werden unter anderem Schilder wie „Merz, stirb selbst an der Ostfront“.CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

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