Papa Andreas mit dem kleinen Jonah. © privat
Glückliche Großfamilie: Sarah Liebl mit ihren Kindern. Von oben links nach unten rechts: Emmi, Simon, Laura, Eileen, Paulien, Noemi und Jonah. Nicht im Bild: Sohn Milan. © Marcus Schlaf
Waal – Laura Liebl steht vor dem Kalender am Küchenkühlschrank und trägt einen Termin in ihr Raster ein. Viel Platz ist nicht mehr. Denn Laura hat noch sieben Geschwister – da ist es schwierig, den Überblick zu behalten. „Ich bin zwar sehr gut organisiert, aber manchmal vergesse ich auch einen Termin“, sagt Sarah Liebl. Die 41-Jährige ist die Mutter der Großfamilie. Neben der 17-jährigen Laura gibt es noch Simon (20), Eileen (15), Emmi (12), Milan (7), Paulien (5), Jonah (3) und das fünf Monate alte Baby Noemi. Ihr Mann Andreas (50) und sie finden es schön, dass noch alle Kinder unter ihrem Dach im kleinen Dorf Waal im Allgäu leben. Es kommt allerdings nur selten vor, dass alle mal gleichzeitig am Esstisch sitzen.
Aber diesen Sonntag wird das so sein. Da ist im Kalender bei allen das Gleiche vorgemerkt: Muttertag. „Am Muttertag frühstücken wir immer zusammen“, sagt Sarah Liebl. „Das ist unser kleines Ritual.“ Ihre Tochter Laura macht eine Ausbildung zur Konditorin und backt für alle. Die anderen kümmern sich um den Rest und decken den Tisch.
Abgesehen von dem vollen Terminkalender lässt auf den ersten Blick kaum etwas auf einen Zehn-Personen-Haushalt schließen. Es geht entspannt zu, besonders laut ist es nicht – obwohl alle zu Hause sind. Sarah Liebl hat die kleine Noemi fest im Arm. Papa Andreas schält Pistazien für Jonah und Paulien, als Laura von der Arbeit zurückkommt: „Ich habe Kuchen mitgebracht!“ Einen selbst gebackenen Karamell-Cheesecake und einen Blaubeerkuchen. Die Pistazien sind plötzlich uninteressant. Milan macht sich auf den Weg ins Fußballtraining. Eileen und Emmi sind in ihren Zimmern.
Auch Simon kommt von der Arbeit, zieht sich in sein Zimmer zurück. Der 20-Jährige schreibt bald seine Abiturprüfungen, im Herbst soll es zum Studieren in eine andere Stadt gehen. „Gymnasiallehramt“, sagt Sarah Liebl stolz. „Manche sind froh, wenn die Kinder aus dem Haus sind“, sagt sie. „Bei mir ist das nicht so. Ich finde es schön, wie es gerade ist.“ Die sieben Geschwister spekulieren allerdings auf Simons frei werdendes Zimmer. „Es streiten schon alle, wer es bekommt“, sagt Liebl und schmunzelt.
So richtig laut wird es dennoch selten im Hause Liebl. Höchstens mal, bevor die Kleinen ins Bett gehen. Wenn jemand mal ganz alleine sein will, wird das meist etwas schwierig. „Dann muss man sich aufs Fahrrad schwingen und einfach losfahren“, sagt Andreas Ruck-Liebl. Gelegentlich nimmt er sich diese Auszeit. Für Vollzeit-Mutter Sarah Liebl keine Option. Sie lässt sich auch ohne Auszeit nicht aus der Ruhe bringen.
Gerade weil Baby Noemi viel ihrer Aufmerksamkeit fordert, bleibt Sarah Liebl wenig Zeit für sich. Ihre Kinder sind ihr Sinn des Lebens. „Das ist für mich das Schönste“, sagt Liebl. Wenn die Jüngeren tagsüber um sie herumflitzen. Oder wenn die Kleinen abends im Bett liegen und sie Zeit hat für Gespräche mit den Großen. „Mir tut das gut.“ Diese Momente sind ihr mehr wert, als Zeit für Hobbys zu haben.
Ihre Kinder haben dafür umso mehr Hobbys. Simon und Milan spielen Fußball, Laura und Eileen Handball und Emmi ist in der örtlichen Theatergruppe. Die Jüngeren orientieren sich an den Älteren, schauen sich Sachen ab. Sie helfen sich untereinander, stehen bei Streitigkeiten füreinander ein. „Da müssen wir als Eltern oft gar nicht mehr eingreifen“, sagt Liebl. „Wir sind mit der Zeit viel gelassener geworden.“ Wichtig ist es ihr, nie Partei zu ergreifen, die Kinder ernst zu nehmen und ihnen zuzuhören. Die meisten Probleme lösen sich schnell von allein, sagt sie. „Ich wünschte, ich wäre so entspannt gewesen wie jetzt, als ich mein erstes Kind bekommen habe.“
Der Alltag in der Großfamilie ist gut eingespielt – und das muss er auch sein. Papa Andreas führt einen Imbisswagen und Cateringservice. Auch dabei hilft Sarah Liebl, sie unterstützt bei Verwaltungs- und Büroarbeit. Ursprünglich wollte sie mal Kinderpflegerin werden. Dann bekam sie eine Ausbildungsstelle in der Altenpflege. Kurz danach wurde sie zur Vollzeitmutter. Im Hause Liebl wird es nie langweilig. Und das möchte Sarah Liebl auch gar nicht. Ihr größter Wunsch ist nicht etwa Zeit für sich oder ein Wellnesswochenende mit einer Freundin. Die achtfache Mutter wünscht sich einen Urlaub in Thailand – mit der ganzen Familie.QUIRIN WULLRICH