Neustart nach dem großen Feuer

von Redaktion

Nur der untere Gebäudeteil konnte gerettet werden.

Nach dem Feuer 2021: Ein Bild der Verwüstung.

Die Wertacher Mühle wird wieder aufgebaut. Besitzerin Natascha Glasow hat nie aufgegeben. © Bondarenko, Privat

Wertach – Kabel hängen von der Decke, der Boden ist von Kleber bedeckt. Natascha Glasow läuft in Crocs, Jogginghose und orangefarbener Sweatjacke durch die kahlen Räume. Einen losen Griff fest in der Hand, bleibt sie an jedem Fenster stehen und versucht, die Klinke in die vorgesehene Öffnung zu drücken. Doch nichts rührt sich. Zwei Handwerker beobachten sie. „Kannst du mir bitte helfen?“, fragt Glasow den Zimmerermeister. Er nimmt den Griff, und mit wenigen kräftigen Handbewegungen sitzt die Klinke. Ein kleiner Fortschritt. Einer von vielen, bis das Gebäude wieder das ist, was es einmal war.

Einst verbrachten hier in der Wertacher Mühle alleinerziehende Eltern ihre Ferien. Vor über fünf Jahren brannte das 600 Jahre alte Gebäude im Allgäu fast vollständig ab. Glasow verlor ihr Hab und Gut – und ihr Zuhause. Bei dem Brand wurden drei Viertel der Wertacher Mühle zerstört – nur ein kleiner Teil des Untergeschosses blieb erhalten. Viele hätten vermutlich aufgegeben. Die 60-jährige Sozialpädagogin nicht. Sie startete 2024 den Wiederaufbau.

Dabei war sie nicht allein. Hilfe kam von ihren Gästen. „Nach dem Brand habe ich alle Reservierungen storniert“, erzählt Glasow. Trotzdem machten sich viele Stammgäste aus ganz Deutschland auf den Weg – um dabei zu helfen, Schutt beiseitezuräumen und das Haus wieder aufzubauen. Und es blieb nicht bei Muskelkraft: „Sie haben alles Mögliche für mich gesammelt – von Kleidung bis hin zur elektrischen Zahnbürste“, sagt Glasow. Nachdem ihr Haus abgebrannt war, bauten die Gäste ihr eine Hütte in den Garten, in der sie leben kann.

So reibungslos lief jedoch nicht alles. Der Wiederaufbau verzögerte sich wegen der Versicherung. „Zweieinhalb Jahre haben wir verhandelt, ein weiteres halbes Jahr hat es gedauert, sich bei dem Vertrag zu einigen“, erzählt sie. Die Versicherung habe an vielen Stellen sparen wollen, auch dort, wo wegen neuer Auflagen kaum Spielraum bestand. „Es gab nur Gegenwind.“ Unterstützung fand sie bei anderen Betroffenen. Nach dem Brand meldeten sich Landwirte, die ebenfalls mit ihrer Versicherung um die Entschädigung gekämpft hatten. Sie schlossen sich zu einem Selbsthilfe-Arbeitskreis zusammen. Schließlich nahmen die Verhandlungen für Glasow doch noch ein gutes Ende. „Wir kommen mit dem Geld gut hin“, sagt sie. Konkrete Zahlen will sie nicht nennen.

Die Wertacher Mühle hat eine lange Geschichte. Glasows Mutter Berta gründete den Verein vor 35 Jahren. Die Innenarchitektin kaufte das heruntergekommene Haus und verwandelte es in einen Ort, an dem Alleinerziehende günstig Urlaub machen und sich austauschen können. Ihre Kinder werden in der Natur betreut, können mit den Pferden spazieren gehen oder im Heu übernachten. Glasow war auch alleinerziehend. Sie weiß, wie schwer es sein kann. „Man kann nicht abschalten – selbst im Urlaub nicht.“ Genau das soll in der Wertacher Mühle möglich sein.

Ihre Stammgäste sind ihr so dankbar, dass sie jetzt nach Wertach reisen, obwohl Urlaub grade nicht möglich ist. So auch die alleinerziehende Mutter Ulrika Hallensleben mit ihrer 14-jährigen Tochter Teresa. Seit 2017 kommen sie fast jedes Jahr, der Ort ist ihnen ans Herz gewachsen. „Man kann sich hier austauschen, anvertrauen und gegenseitig unterstützen“, erzählt die Alleinerziehende. „Wenn man ein ähnliches Schicksal teilt, fühlt man sich verbundener.“ Freundschaften sind dabei entstanden. „Man isst zusammen, die Kinder spielen, ich war oft mit anderen Gästen hier wandern.“ Glasow ist stolz auf das Netzwerk, das sie aufgebaut hat. „Wir haben hier eine zweite Heimat gefunden“, berichtet Hallensleben. Für die Osterferien hat sie eine Ferienwohnung in Wertach gebucht, die beiden verbringen aber viel Zeit an der Mühle und reiten mit den Pferden aus.

Glasow hat ein Ziel vor Augen: Zu Silvester soll das Ferienhaus wieder öffnen. Früher wurde hier jedes Jahr gefeiert, mit Spielen, Tanz und Theater bis tief in die Nacht – daran will sie anknüpfen. Voller Vorfreude führt sie durch die Räume, die noch nach Holz und Baustelle riechen. Wände stehen, mehr noch nicht – aber in ihrem Kopf ist längst alles eingerichtet. „Hier wird die Gästeküche sein“, sagt sie im Untergeschoss. Ein paar Schritte weiter deutet sie auf eine leere Wand. „Und hier Sofas – damit die Leute zusammensitzen und reden können.“ Zwischen nackten Balken und Staub entsteht bereits eine Idee von dem, was kommen soll.

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