Vom SS-Mann zum Linksintellektuellen

von Redaktion

Hans Schneiders zweites Leben

Hans Schneider alias Hans Schwerte (rechts) bei der 100-Jahr-Feier der Technischen Hochschule Aachen im Oktober 1970. © HArch Aachen, Sign

München – Der Fall Schneider/Schwerte macht 1995 Schlagzeilen, als herauskam, dass der ehemalige Rektor der Technischen Hochschule Aachen ein ehemaliger SS-Mann gewesen war. Hans Schwerte, ein Germanist und Lehrstuhlinhaber für Neue Deutsche Literatur, promoviert über Rilke, habilitiert über Faust, hoch angesehen in der Zunft, hatte 50 Jahre lang unter falschen Namen gelebt. Der richtige Name von Hans Schwerte, der seit 1982 seine Pension in Aschau im Chiemgau verzehrte, lautete Hans Ernst Schneider. Als solcher hatte er bis 1945 im SS-Ahnenerbe Karriere gemacht, als Leiter des „Germanischen Wissenschaftseinsatzes“ völkisches Schrifttum und Fachtagungen gefördert und 1943 für Menschenversuche im KZ medizinische Geräte beschafft.

Die Aachener Politikwissenschaftlerin Angelina Pils hat nun für ihre Doktorarbeit erstmals die Tagebücher Schwertes alias Schneider ausgewertet, die spannende Inneneinblicke ermöglichen. Sie beschreibt detailliert, wie sich „Schwerte“ im „Milieu linksliberaler Reformer“ etablieren und im SPD-regierten Nordrhein-Westfalen 1970 Rektor werden konnte. Ende der 1950er-Jahre „entfernte sich Schneider/Schwerte vom neukonservativen Milieu der Nachkriegsperiode“, schreibt die Autorin. Er sprach sich für die Demokratisierung der Hochschulen aus, förderte an der Aachener Philosophischen Fakultät die Forschung zur „jüdischen Literaturgeschichte“. Sogar öffentliche Diskussionsabende über die NS-Vergangenheit scheute er nicht – wobei er seine eigene Vergangenheit sorgsam verschwieg. Auch in seinem Tagebuch findet sich, trotz vereinzelter, privat niedergeschriebener antisemitischer Tendenzen, kaum nationalsozialistisches Gedankengut. Schneider/Schwerte war nicht außen Demokrat, innen Nazi. Hatte er sich ehrlich gewandelt? In seiner neuen Rolle fügte er sich wie andere ehemalige NS-Wissenschaftler geschmeidig ein und trug so (wie viele andere ehemalige Beamte mit NS-Vergangenheit) zur Stabilisierung der jungen Bundesrepublik bei. Schneider gelang der Rollenwechsel, so die These von Pils, weil es ihm letztlich weniger um die NS-Ideologie ging, sondern „stets um Führung durch geistige Vorreiterschaft“. Trotzdem stellt sich die Frage: Wie verlogen kann man sein?

Wie ein Krimi lesen sich die Details des fast generalstabsmäßig durchgeplanten Identitätenwechsels: Auf dem Schwarzmarkt besorgte er sich gleich nach Kriegsende falsche Papiere. Seine in alles eingeweihte Ehefrau ließ ihren Mann Hans Ernst Schneider im Frühjahr 1946 von einem Münchner Notar für tot erklären, während der Ehemann draußen vor der Tür wartete. Dann wurde noch mal geheiratet. Seinen Geburtstag feierte Schneider/Schwerte künftig zwei Mal. Den richtigen am 15. Dezember privat, die falschen im Oktober öffentlich und mit Kollegen.

Obwohl schon in der NS-Zeit promoviert, entschied er sich für eine erneute Doktorarbeit an der Uni Erlangen, die als reaktionär verschrien war und an der man um die Vergangenheit der Doktoranden nicht viel Getue machte. Promovieren konnte er bei dem selbst NS-belasteten Germanisten Heinz Otto Burger. Er hätte mit seiner Vergangenheit sonst nicht einmal Lehrer werden können, rechtfertigte er sich später. „Man wollte nicht vom Spielfeld fallen“, schrieb er in sein Tagebuch. Erst im Alter drückte langsam das schlechte Gewissen. „Man hat viele Masken und Schleier und Kostüme über mich geworfen“, klagte er zum 70. Geburtstag im Tagebuch. 1982 zog er nach Aschau, wo mehrere ehemalige Nationalsozialisten wohnten, wie die Historikerin Maria Anna Willer herausgefunden hat. Beispielsweise Franz Hayler, unter Hitler stellvertretender Reichswirtschaftsminister, oder der einstige Hitlerputschist Hermann Kriebel. Ob Schneider/Schwerte in diesem Dunstkreis Kontakte pflegte, ob er deswegen bewusst im Juni 1982 eine Wohnung in Aschau als Altersruhesitz wählte, ist unbekannt. Im Gemeindearchiv ist nur überliefert, dass er sich im Februar 1996 nach Marquartstein abmeldete. Dort starb er drei Jahre später in einem Altersheim.

Schneider/Schwerte war nicht der einzige Fall des Identitätswechsels. Aus dem direkt in den Holocaust involvierten NS-Kreishauptmann von Kolomea/Galizien, Claus Peter Volkmann, wurde nach 1945 der Journalist Peter Grubbe. Die Autorin führte weitere Beispiele an. Nur eine Frage kann sie logischerweise nicht beantworten: Wie viele dieser „U-Boot-Identitäten“ mag es gegeben haben? Und wie viele sind bis heute nicht bekannt geworden?DIRK WALTER

Das Buch

Angelina Pils: Schneider/Schwerte. Ein westdeutsches Doppelleben 1945–1999, Wallstein Verlag, 32 Euro

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