Musik und Kunst an den Rand gedrängt

von Redaktion

Neue Daten zur Grundschule: Experten schlagen Alarm – Soll man das Fach Englisch opfern?

Wer soll ihnen noch die Flötentöne beibringen? Grundschüler im rar gewordenen Musikunterricht. © Jamie Grill/Getty

München – Musik und Kunst – das sind an bayerischen Grundschulen nur noch Randfächer. Das belegt eine statistische Erhebung des bayerischen Kultusministeriums, die dem Bayerischen Musikrat zugegangen ist und unserer Zeitung vorliegt. Der Präsident des Musikrats, Deggendorfs Landrat Bernd Sibler (CSU), macht sich „ernsthaft Sorgen“ um die Folgen: Musikgruppen und Chören werde früher oder später der Nachwuchs ausgehen. Schon jetzt fehlten zum Beispiel Streicher in den Orchestern. „Alle sind tief betroffen, ändern tut sich nichts“, sagt Sibler. Anders ausgedrückt: Wie soll man den Kindern die Flötentöne beibringen, wenn die kaum Musikunterricht erlebt haben und sie das einfach nicht interessiert?

Der CSU-Politiker war 2018 selbst kurz bayerischer Kultusminister. Lange nach seiner Zeit, schon in der Amtszeit der jetzigen Ministerin Anna Stolz (FW), kam unter dem Eindruck desaströser Ergebnisse der Pisa-Schülerstudie eine neue Direktive aus der bayerischen Staatskanzlei: Mathematik und Deutsch sollten gestärkt werden. Weil sich jedoch die Unterrichtszeit der Grundschüler insgesamt nicht erhöhen durfte, sollte an anderer Stelle die Axt angelegt werden. Doch wo?

Anna Stolz verfolgte den Plan, Religion um eine Stunde zu kürzen – doch da legte der Ministerpräsident höchstselbst sein Veto ein. So kam es dazu, dass Kunst-, Musik- und Werkunterricht zu einem Fächerverbund zusammengefasst wurden. Diese musisch-künstlerischen Fächer bekommen nun in der 3. und 4. Klassenstufe nur noch vier statt vorher fünf Wochenstunden – wobei die Schulleiter und -leiterinnen selbst entscheiden können, welches Fach sie wie gewichten.

Die statistische Auswertung stammt schon von 2025 und brachte folgendes Resultat:

18 Prozentder staatlichen Grundschulen erteilten Musik in der Jahrgangsstufe 3 zweistündig, 80 Prozent jedoch nur einstündig. In der Jahrgangsstufe 4 ist Musik sogar in 83 Prozent der Grundschulen einstündig. Nur zwei bis drei Prozent der Grundschulen nutzen ein flexibles Zeitmodell.

Noch dramatischer die Lage im Kunstunterricht: In der dritten und vierten Jahrgangsstufe gibt es nur in jeweilsdrei Prozent der Grundschulen zwei Stunden in der Woche Kunst. In 97 Prozent der Fälle ist das Fach auf eine Stunde zusammengeschrumpft.

Besser ist die Situation in Werken: Das Fach wird in 86 Prozent der Schulen zweistündig erteilt. Acht Prozent der Schulen haben Werken auf eine Stunde eingedampft.

Auch Zahlen zum Englischunterricht an Grundschulen lieferte das Ministerium. Ob es Sinn macht, schon Grundschülern Englisch beizubringen, ist in der Fachwelt umstritten. Viele halten es für überflüssig, auch Musikrat-Präsident Sibler hat eine denkbar geringe Meinung davon: „Das bringt doch nichts.“ Die Zahlen hierzu: 13 bis 15 Prozent der Dritt- und Viertklässler erhalten zwei Stunden Englisch, über 80 Prozent zumindest eine Stunde. Sibler sieht hier Einsparpotenzial: Wenn man Englisch weglasse, könne es mehr Musik geben. Vor dem Vorschlag, Religion anzutasten, schreckt er allerdings zurück.

Dass die Kultusministerin mit den Beschlüssen hadert, ist auch kein Geheimnis. Sie weist darauf hin, dass viele Grundschullehrkräfte Singen, Musizieren und Tanzen fernab von festen Fächern immer wieder in ihren Unterricht einbauen. „Diese Aktivitäten werden über die Statistik nicht erfasst und sind Ausdruck eines ganzheitlichen Bildungs- und Erziehungsbegriffs.“ Zudem gebe es ein Schulprofil „Musikbegeisterte Grundschule“, bei der Schulen eine Budgetstunde extra zur Einrichtung einer musikbezogenen Arbeitsgemeinschaft erhielten.DIRK WALTER