„Pflege darf kein Luxus sein“

von Redaktion

Immer höhere Heimkosten: Familien und Sozialverbände fürchten Warkens Reform

Das Leben im Pflegeheim wird von Jahr zu Jahr teurer. © Getty

München – Eigentlich müsste sich Gabriele Farcher noch nicht mit der Frage befassen, ob sie eines Tages in einem Pflegeheim leben wird. Sie ist erst 65. Aber bis vor Kurzem haben ihre beiden Eltern in einem Heim in Rosenheim gelebt. Für beide zusammen lag der Eigenanteil bei knapp 8000 Euro. Dazu kamen noch Preise für Unterkunft (561,55 Euro), Verpflegung (573,42 Euro) und Investitionskosten (644,90 Euro) – letztere erheben die Einrichtungen zum Beispiel für nötige Renovierungen im Gebäude. Farchers Mutter starb vergangenes Jahr, ihr Vater im Januar. Die durch die Pflegereform drohende Erhöhung des Eigenanteils für Heimbewohner betrifft sie deshalb aktuell nicht. Eigentlich. Denn sie hat sich in den vergangenen Jahren so viel mit dem Thema befasst, dass sie oft darüber nachdenkt, wer sich in ein paar Jahren überhaupt noch ein Pflegeheimplatz leisten kann.

Tatsächlich sind es schon jetzt immer weniger Menschen, die sich einen Heimplatz leisten können. Immer mehr Senioren brauchen staatliche Hilfen, wie die Zahlen des Bezirks Oberbayern belegen. 2022 erhielten 13.812 Menschen Hilfe zur stationären Pflege – das machte damals 136,3 Millionen Euro aus. 2024 waren es schon 15.310 Menschen und 197 Millionen Euro. Die Hochrechnung für dieses Jahr liegt mit 16.510 Antragstellern und 249,2 Millionen Euro deutlich höher.

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will mit ihrer Reform die Pflegeversicherung entlasten. Dadurch drohen Bewohnern von Seniorenheimen deutlich höhere Eigenanteile. Außerdem sollen strengere Voraussetzungen für die Einstufung in einen höheren Pflegegrad gelten.

Michal Wiechoczek ist Leiter des Alten- und Pflegeheims Steigenberger Hof in Penzberg (Kreis Weilheim-Schongau). Er sieht Warkens Pläne kritisch. Die stationäre Pflege stehe bereits unter hohem wirtschaftlichem Druck. „Wenn die Politik hier vor allem an den Eigenanteilen und Zugangsschwellen spart, löst das die strukturellen Probleme nicht, sondern verschiebt sie lediglich auf die Betroffenen und am Ende auf die Sozialhilfesysteme.“

Auch von den Sozialverbänden kommt viel Kritik an Warkens Plänen. Schon heute seien über 40 Prozent der Pflegeheim-Bewohner auf Sozialhilfe angewiesen, betont Margit Berndl, Vorständin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Bayern. Wenn es künftig weniger Zuschüsse zu den Eigenanteilen gebe, bedeute das nichts anderes, als dass Pflegebedürftige und deren Familien noch schneller in die Armut rutschen. „Hier wird nichts eingespart – sondern umverteilt: weg von der Pflegeversicherung hinein in die Sozialhilfe.“ Leidtragende seien die Menschen, die ohnehin am stärksten belastet sind. Berndl fordert Mut zu einer echten Reform: eine solidarische Pflegevollversicherung, in die alle einzahlen. „Denn Pflege darf kein Luxus sein.“ Auch Andrea Betz, Vorstandssprecherin der Diakonie München und Oberbayern, fordert eine solidarische Finanzierung, zum Beispiel durch einen Sockel-Spitze-Tausch: Die Pflegefinanzierung deckelt den Eigenanteil Pflegebedürftiger, um sie vor Armut zu schützen. Die Versicherten würden dann nur einen fixen Betrag übernehmen, den Sockel. Die Pflegeversicherung würde die darüber hinausgehenden Kosten tragen.

Als Gabriele Farcher noch regelmäßig bei ihren Eltern im Pflegeheim zu Besuch war, ist sie oft mit anderen Senioren ins Gespräch gekommen. „Die hohen Kosten treiben so viele Menschen um“, sagt sie. Die Senioren wollen ihren Angehörigen nicht zur Last fallen. Gleichzeitig reiche bei den meisten die Rente nicht ansatzweise aus, um diese hohen Pflegeheimkosten zu stemmen. Schon seit Jahren stellt sich die 65-Jährige die Frage, ob Menschen der Babyboomer-Generation in ein paar Jahren überhaupt noch einen Pflegeheimplatz finden werden. Wie viel die Pflege dann erst kosten wird, will sie sich gar nicht ausmalen.KATRIN WOITSCH FRANZISKA SELIGER

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