Ein Blickfang: ein Archivbild eines Teilnehmers am Sudetendeutschen Tag. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa
München – Über mangelnde Aufmerksamkeit kann sich Bernd Posselt, Vorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, gerade nicht beklagen. Gefühlt halb Tschechien diskutiert über das Pfingsttreffen der Sudetendeutschen, das erstmals in der Nachbarrepublik stattfindet, in der zweitgrößten Stadt Brünn. Vergangene Woche hat das Parlament in Prag eine Resolution gegen das Treffen verabschiedet. Doch Posselt ficht das nicht an. Die Abstimmung war „eine Farce“, kritisiert er. Nur 77 von 200 Parlamentariern nahmen an der von der rechtsextremen Regierungspartei SPD initiierten Abstimmung überhaupt teil, 73 stimmten dafür, vier enthielten sich. Die Opposition blieb dem Votum komplett fern. Und nur zwei Minister aus der vom Rechtspopulisten Andrej Babis geführten Regierung stimmten mit, einer dafür, einer enthielt sich. Babis selbst war auch nicht zugegen.
Dem Pfingsttreffen verschaffte die Abstimmung eine erneute Aufmerksamkeit – und mitten drin im Sturm steht Bernd Posselt, Ex-CSU-Europaabgeordneter und seit 2014 Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen. Er berichtete von unzähligen E-Mails und Solidaritätsadressen. „Viele entschuldigen sich für ihre Regierung“ – Tschechien wird seit Dezember 2025 von einer EU-skeptischen Koalition geführt, der neben der Babis-Partei ANO die rechtsextreme SPD und die rechtsgerichtete Autofahrerpartei angehören. „Es hagelt auch Anmeldungen von Politikern, die auf unserer Seite stehen“, sagt Posselt. Dass der Sudetendeutsche Tag wie geplant ab Donnerstag in Brünn stattfindet, steht für ihn ungeachtet zahlreicher Demos, die gegen das Treffen angemeldet sind, außer Frage. Auch persönliche Diffamierungen nehme er gelassen hin. Wichtig sei doch, sagt Posselt unserer Zeitung, „dass in Tschechien jetzt über Vertreibung und Versöhnung so viel gesprochen wird wie nie zuvor“.
Mehr als 1000 Sudetendeutsche werden nach Brünn reisen, schätzt Posselt, der ab Donnerstag vor Ort ist. Die Hauptkundgebung findet am Sonntag mit Ministerpräsident Markus Söder (CSU) als Gast statt – dies, obwohl der tschechische Außenminister bei einem Besuch in Berlin Anfang Mai noch mit martialischen Worten („Brünn steht in Flammen“) vor dem Pfingsttreffen gewarnt hatte.
Posselt hält dagegen, dass in Brünn mit Senatspräsident Miloš Vystrčil immerhin der zweithöchste Repräsentant des Staates seine Teilnahme zugesagt hat. Zudem werde Staatspräsident Petr Pavel Söder bei seinem Aufenthalt in Tschechien auf der Prager Burg empfangen. Er hat sogar, wie gestern bekannt wurde, offiziell die Schirmherrschaft für den Sudetendeutschen Tag übernommen. Beide tschechischen Politiker stehen in Opposition zu den Regierungsparteien.
Der nächste Pfingsttreffen 2027 ist übrigens in Nürnberg geplant. 2028 aber soll es erneut in Tschechien stattfinden – dann in Eger (Cheb) auf Einladung örtlicher tschechischer Politiker, wie Posselt betont.DIRK WALTER