Die Talstation der Zugspitzbahn. © Kornatz
Die Tiroler Seite der Zugspitze.
Auf Grenzgang: Franz Dengg ist Geschäftsführer der Tiroler Zugspitzbahn. © Marcus Schlaf (2)
Ein Arbeiter beim Bau der Tiroler Zugspitzbahn.
Über Holzstämme: So mühsam musste das Tragseil zur Talstation gewuchtet werden. © Privat/West GmbH
Neugierige Fotografen in der Materialseilbahn bei der Eröffnung 1926. © Privat
Ehrwald – Franz Dengg schwebt. Von Ehrwald in Tirol auf die Zugspitze. 1725 Höhenmeter in sieben Minuten. 100 Personen hätten in der gläsernen Gondel der Tiroler Zugspitzbahn Platz, pro Stunde könnten gut 700 fahren. An diesem Morgen aber sind erst ein paar Gäste unterwegs. Föhnwind pfeift um die Gondel, befreit den Himmel aber auch von Wolken. Hier und da hört der Geschäftsführer der Seilbahn ein „Oh“ und „Ah“, meist bleibt‘s aber still auf diesem Flug übers Felsmassiv. „Einfach schön“, sagt der 62-Jährige ehrfürchtig und zeichnet mit dem Zeigefinger die deutsch-österreichische Grenze zu seinen Füßen nach.
Der Wettersteinkalk ist 30 Millionen Jahre alt. Dagegen sind 100 Jahre ein Wimpernschlag. Doch Dengg ist unheimlich stolz auf das Jubiläum seiner Zugspitzbahn. Seine Familie ist seit fast 40 Jahren Teil ihrer Geschichte. Ende der 1980er verkaufte das Land Tirol seine Anteile im Zuge einer Reprivatisierungswelle an Denggs Vater, forderte dafür aber auch den Neubau der Bahn. Heute führt Dengg die Geschäfte mit seinem Sohn. Der Senior-Chef hat mitgeholfen, als 1989 eine Materialseilbahn mit fünf Tonnen Tragkraft und ein Turmdrehkran an der Bergstation errichtet wurden. „Drei Stützen mussten installiert werden, allein das Fundament der Stütze 1 verschlang 2000 Tonnen Zement“, erinnert er sich. Nach 25 Monaten wurde die „neue“ Tiroler Zugspitzbahn am 10. Juli 1991 eröffnet. 1926, fast auf den Tag genau, ihre Vorgängerin.
„Es ist spektakulär, was die Menschen beim Bau geleistet haben – ganz ohne Helikopter“, sagt Dengg. „Allein die Trassenführung auf den Kamm übertraf an Kühnheit alle bestehenden Anlagen weltweit.“ 335 km/h beträgt die stärkste Windgeschwindigkeit, und minus 35,6 Grad die tiefste Temperatur, die oben gemessen wurden. In jenem lebensfeindlichen Terrain mussten 400 Arbeiter die Visionen der Planer umsetzen: Zwei Tragseile aus Gussstahldrähten mit 48 Millimeter Durchmesser und 35 Tonnen schwer sollten 3,5 Kilometer über hunderte Höhenmeter überwinden und an sechs Stützen verankert werden.
Vom Drahtseilakt zwischen technisch und menschlich Machbarem schreibt Ödön von Horváth im Stück „Die Bergbahn“. Der Bau der Tiroler Zugspitzbahn dient dem österreichischen Dramatiker, der damals in Murnau lebt, als Vorlage. Im Stück träumt Arbeiter Hannes von einem „Lift, wies es in die Wolkenkratzer drübn in Amerika habn“, während Kollege Sliwinski über den Kapitalismus schimpft: „Da liest man überall vom Fortschritt der Menschheit, die Direktoren sperrn die Geldsäck in d‘Kass und dem Bauer blüht der Fremdenverkehr. A jede Schraubn werd zum Wunder der Technik, a jede Odlgrubn zur Heilquelle. Aber, dass aner sei Lebn hergebn hat – des Blut werd ausradiert.“ Tiroler Todesopfer sind nicht überliefert. Wie viel Schweiß und Tränen einst geflossen sind, kann man nur erahnen. „Den Arbeitern wurde eine Extra-Schicht notiert, wenn sie einen 50-Kilo-Sack Zement zu Fuß heraufgetragen haben“, berichtet Dengg. Erst für die Hilfsseilbahn, später für die sechs Stützen. Spitzhacke, Stock und Seil – historische Fotos im Museum auf der Zugspitze zeigen die Ausrüstung. Auch im Tal wurde malocht: Die Tragseile mussten von Ehrwald über Rundhölzer zur Talstation Obermoos gerollt werden. Mit Winden wurden sie auf den Berg geschleppt.
Ein Wettlauf gegen die Zeit – und das Nachbarland. Mit Erteilung der Konzession für den Bau der Bahn fällt für Hermann Stern, Rechtsanwalt aus Reutte, und Konsortium 1924 der Startschuss für das „Jahrhundertprojekt“. Nach 150 Jahren besucht mit Bundespräsident Michael Hainisch erstmals wieder ein Staatsoberhaupt diesen entlegenen Zipfel Tirols. Die Innsbrucker Nachrichten melden: „Von der Höhe herab kam ein mit Kränzen geschmückter Wagen der Zugspitzbahn. An der Talstation entstieg ihm ein Gnom mit vielen lieblichen Zwerglein. Jener Zugspitzgeist begrüßte die Festgäste und hob in originellem Dialektgedichte die Bedeutung der Zugspitzbahn hervor.“
Wenige Tage nach der bizarren Show treten nach feierlicher Eröffnung am 5. Juli 1926 erste Fahrgäste an. „Die Bahn überwand 1581 Höhenmeter – von der Talstation über das Gamskar und das österreichische Schneekar hinauf zur Kammstation am Nordwestgrat auf 2805 Metern“, erklärt Dengg. „Damals dauerte die Fahrt für 19 Personen pro Gondel 18 Minuten.“ Ein Jahr später besuchte der Boxer Max Schmeling das Wunderwerk der Technik. Es heißt, sein Manager fesselte ihn an einen Liegestuhl. Denn Schmeling wollte die Gelegenheit zum Klettern oder Skifahren nutzen und sein Manager fürchtete, er könnte sich verletzen.
„Im Jahr 1927 wurden fast 129.000 Besucher befördert, darunter viele Gäste aus dem nördlichen Nachbarland“, weiß Dengg. Die Tiroler hatten das Rennen um die Zugspitze für sich entschieden. Vorerst. Denn auf bayerischer Seite erfolgte der Startschuss für den Bau einer Bahn erst 1928. Das letzte Streckenstück der Zahnradbahn über den Eibsee bis zum Schneefernerhaus wurde 1930 eröffnet, die Seilschwebebahn zum Gipfel 1931. „Damals war das Konkurrenzdenken stark“, sagt Dengg und lacht. „Heute leben wir mit der Bayerischen Zugspitzbahn von Herzen gerne in Symbiose.“CORNELIA SCHRAMM