Als Bruno Bayern in Aufruhr versetzte

von Redaktion

Bayerns Problembär: Dieses Foto entstand wenige Tage, bevor Braunbär Bruno erschossen wurde. Bis heute ist ungeklärt, wer der Schütze war. © Feldmann/Archiv

München – Brunos Geschichte beginnt mit einer herzlichen Einladung. Einen Tag, nachdem der Braunbär in Tirol nahe der deutschen Grenze gesichtet wird, sagt der damalige Umweltminister Werner Schnappauf (CSU): „Der Bär ist in Bayern willkommen.“ Einen Satz, den er später vermutlich gerne lieber nicht gesagt hätte.

Schon zwei Tage danach berührt Brunos Tatze bayerischen Boden. Es ist das erste Mal seit 170 Jahren, dass wieder ein Bär durch den Freistaat streift. Doch die anfängliche Begeisterung hält nicht lange an. Denn der Besucher weiß sich nicht zu benehmen. Er plündert Bienenstöcke, reißt Schafe und Hühner, provoziert die Polizei, wagt sich gefährlich nahe an Siedlungen heran. Bald kommt Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) zum Schluss: „Er, äh, verhält sich nicht normal. Es handelt sich um einen Problembären.“

Einen Monat lang tut Bruno alles dafür, seinem Problembär-Image gerecht zu werden. Und es dauert nicht lange, bis er die volle Aufmerksamkeit hat – nicht nur in Bayern. Sogar die „New York Times“ berichtet über den hundert Kilo schweren und je nach Gemütslage bis zu 1,60 Meter großen Bären, der amtlich den Namen JJ1 erhält. Die einen jagen ihn, die anderen feiern ihn. Es werden T-Shirts verkauft mit Aufdrucken wie „JJ1 Bruno World Tour 2006“ oder „Mich kriegt ihr nie“. Im Internet werden Wetten abgeschlossen: Fliegt Deutschland bei der WM raus oder wird Bruno gefangen? Während Schnappauf, Stoiber & Co. alles daran setzen, das bayerische Problembär-Debakel in den Griff zu bekommen, wird Bruno in einigen Kreisen immer mehr zum Superstar – und auch zum Symbol für Freiheit.

Auf den Tag genau vor 20 Jahren spaziert der zweijährige Braunbär im Ammergebirge über die Grenze. Zunächst bekommt davon niemand etwas mit. Aber Bruno tut alles, um Hauptdarsteller im Sommermärchen 2006 zu werden. Bei Grainau reißt er in zwei Tagen neun Schafe und einige Hühner. Das reicht, um die Gastfreundschaft blitzartig abkühlen zu lassen. Bruno ist nicht mehr willkommen – sondern gefürchtet. Denn der Braunbär wagt sich ungewöhnlich nah an Wohnhäuser heran. Das Landratsamt Garmisch-Partenkirchen warnt Bürger vor nächtlichen Spaziergängen im Wald. Im Umweltministerium versammelt sich eine Expertenrunde – die Fachleute kommen zu dem Ergebnis, dass sich Bruno immer wieder Ortschaften nähern wird. Der Mann, der am 18. Mai noch die herzliche Einladung aussprach, verkündet nun, dass der Braunbär zum Abschuss freigegeben wird. Von Tierschützern erntet Schnappauf dafür heftige Kritik.

Ein neuer Plan muss her: Bruno soll mit einer großen Röhrenfalle eingefangen und dann mit einem Sender ausgestattet werden. So will man ihn mit Feuerwerk oder Gummigeschossen vertreiben, sobald er sich Siedlungen nähert. Bis er lieber einen Bogen um Menschen macht. Aber Bruno hat bereits etwas ganz anderes gelernt: Dass es sich bei den Menschen gut fressen lässt, solange man nicht an den Tatort zurückkehrt. Der Umerziehungsplan wird bereits nach wenigen Tagen verworfen. Genau wie der Plan, ihn mit einer Bärendame in eine Falle zu locken. Denn der Zweijährige ist noch zu jung für weibliche Reize.

Bruno wird immer selbstbewusster. Er bewegt sich auf einer Zick-Zack-Route durchs Grenzgebiet. Mal wird er auf österreichischer Seite gesichtet, dann wieder in Bayern. Er reißt Schafe, plündert Kaninchenställe, futtert Bienenstöcke leer. Und am 17. Juni provoziert er die Polizei in Kochel am See (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen). Er setzt sich ausgerechnet vor die Wache, um sich auszuruhen.

Bayern setzt seine Hoffnungen inzwischen in Profis. Für mehrere zehntausend Euro werden finnische Bärenjäger mit Elchhunden eingeflogen. Sie sind Bruno tagelang dicht auf den Fersen – kommen ihm aber nicht nahe genug, um einen Betäubungsschuss abgeben zu können. Aus der Ruhe bringen sie den Braunbären nicht. Bruno nimmt entspannt ein Bad im Soinsee.

Doch dann, am 26. Juni, macht Bruno einen folgenschweren Fehler. Er verweilt zu lange im Rotwandgebiet. Ein einzelner Schuss beendet seine Superstar-Karriere. Bis heute ist nicht bekannt, wer Bayerns berühmtesten Bären erlegt hat. Umweltminister Schnappauf bekommt danach sogar Morddrohungen. Selbst nach seinem Tod bewegt Braunbär Bruno noch lange die bayerischen Gemüter.

Artikel 1 von 11