Ein Bergretter stapft durch den Schnee zum Unglücksort. © Foto: Bergrettung Ehrwald
Das Zugspitz-Gipfelkreuz, angestrahlt von der aufgehenden Sonne. Von diesem Anblick hatten die beiden 19-jährigen Bergsteiger geträumt. © Peter Kneffel/dpa
Ehrwald – Weil sie den Sonnenaufgang auf Deutschlands höchstem Gipfel erleben wollten, setzten zwei 19-jährige Bergsteiger ihr Leben aufs Spiel. Für einen der beiden jungen Männer aus dem Kreis Paderborn endete das Zugspitz-Abenteuer tödlich. Er rutschte am Stopselzieher-Klettersteig auf Tiroler Seite ab und stürzte in die Tiefe.
Der Tag des 21. Mai begann für die beiden Bergpartner aus Ostwestfalen am idyllisch gelegenen Eibsee südlich von Garmisch-Partenkirchen. „Dort haben sie im Auto geschlafen“, sagt Regina Poberschnigg, die stellvertretende Ortsstellenleiterin der Bergrettung Ehrwald. Zuletzt hätten sie zusammen eine Bergtour in der Schweiz unternommen, ihr nächstes Ziel: den Sonnenuntergang an der Zugspitze erleben, den Sonnenaufgang auf dem fast 3000 Meter hohen Gipfel.
„Klingt romantisch“, findet Regina Poberschnigg. „Ein erfahrener Alpinist mit Top-Ausrüstung kann sich so was zutrauen.“ Doch die beiden verfügten lediglich über Stirnlampen und Wanderschuhe, die sie mit gerade erst gekauften Grödeln überzogen. Sie hatten weder Helm noch Gurt, Steigeisen, Pickel oder ein Seil dabei. Die Rucksäcke waren mit reichlich Proviant fast zu schwer.
Ihre Tour starteten die jungen Männer an der Talstation in Ehrwald gegen 19.30 Uhr. Gut sieben Stunden Aufstieg legten sie zurück, ließen die noch geschlossene Wiener-Neustädter-Hütte hinter sich. Auf 2600 Metern Höhe kam es zur Katastrophe. An dieser Stelle überlagerte eine komplette Schneedecke die Zugspitze, die Temperatur lag um die null Grad. „Wenn‘s so bockhart ist wie jetzt, hast du ohne Steigeisen keinen Halt“, sagt die Bergretterin. Bei der Querung eines Schneefeldes am Stopselzieher rutschte der 19-Jährige aus und stürzte lautlos rund 250 Meter über steiles, felsdurchsetztes Gelände ab. Am sogenannten Wandfuß blieb er liegen.
„Die beiden hatten das Ganze total unterschätzt“, sagt die Bergretterin, die am Freitag um 3 Uhr früh alarmiert wurde und die Einsatzleitung im Tal übernahm. In Panik hatte der Freund, der ukrainische Wurzeln hat und erst seit einiger Zeit in Deutschland lebt, den US-Noruf 911 gewählt. Über das Leitsystem gelangte er an einen Ansprechpartner, der den Rettungshubschrauber „Christoph München“ anforderte.
In der Dunkelheit konnten die zwei Bergretter aus der Luft die Stirnlampe des überlebenden 19-Jährigen erkennen und stiegen zu ihm auf. „Er war völlig durch den Wind, wie in einer Starre.“ Ein weiterer Hubschrauber, diesmal aus Liechtenstein und mit Seilwinde, flog die Bergretter und den Bergsteiger ins Tal. Gegen 7 Uhr traf die Alpin-Polizei zur Bergung des Opfers ein.
Im Tal kümmerte sich derweil das Kriseninterventionsteam um den Bergfreund, der unter Schock stand. Ihn erwarten jetzt nach Ansicht von Regina Poberschnigg „hohe Kosten“, zumal er wie viele andere Gerettete über keine entsprechende Versicherung verfügt. „Für die Angehörigen des Opfers läuft inzwischen eine Spendenaktion.“
Auch in den Tuxer Alpen hat sich ein Unglück mit jungen Bergsteigern ereignet. Ein 17-Jähriger war mit seinen 15 und 16 Jahre alten Freunden (ebenfalls ukrainische Staatsbürger) am Pfingstsamstag im Bereich der Kellerjochhütte auf über 2000 Metern Höhe unterwegs. Sie wollten noch weiter auf den Gratzenkopf wandern, doch der Schnee erschwerte ihnen die Route. Der 17-Jährige stieg Richtung Proxenalm ab und stürzte bei dem Versuch, auf einen Felsen zu springen, etwa 40 Meter weit über felsiges Gelände in eine Schotterrinne. Ein Hubschrauber flog den Schwerverletzten in die Innsbrucker Klinik.CORINNA KATTENBECK