Museumsleiter Michael Apel in der Bruno-Ausstellung. Dort gibt es auch ein Video von dem Braunbären zu sehen.
Im Museum ist Bär Bruno zu sehen, wie er Bienenstöcke in Kochel ausraubte. Kinder stehen neugierig vor dem Präparat. © Oliver Bodmer (2)
München – Bruno ist auf Schlemmertour. Während er sich neugierig über den Bienenstock beugt, krabbeln einige Bienen über seine Nase. Diese Szene hat sich im Sommer 2006 genauso zugetragen – und sie ist eingefangen für die Ewigkeit. In einem Schaukasten im Museum Mensch und Natur in München. Dort ist Bayerns berühmtester Bär präpariert seit 2008 zu sehen. Zwei Kinder betrachten die Szene neugierig. „Mama, was macht der Bär da?“, fragt der Junge. Dann spaziert er weiter zu einer Miniatur-Siedlung von Nomaden, die er genauso spannend findet.
Das Interesse an Braunbär Bruno hat nachgelassen. Es lebt aber regelmäßig auf, wenn ein Bär durch Bayern streift, berichtet Museumsleiter Michael Apel. Natürlich kann er sich noch an andere Zeiten erinnern. Zum Beispiel an dem Morgen, als der Anruf aus dem Ministerium kam, ob das Museum noch Interesse an dem Bären habe. Apel und sein Team hatten sich schon früh um Bruno beworben – und ein fertiges Konzept in der Schublade. „Das Medieninteresse war damals abenteuerlich“, erzählt er. Am Tag der Ausstellungseröffnung musste er schon um 6 Uhr morgens einem kanadischen Fernsehsender ein Interview geben. „Aber ihr habt doch selbst tausend Bären“, sagte er damals zu dem Redakteur. Die Kanadier faszinierte nicht Bär Bruno – sondern die Aufregung in Deutschland um den Bären.
Ziel des Museums war es, so unaufgeregt wie möglich mit dem besonderen Präparat umzugehen, betont Apel. Bruno ist eingebettet in eine sachliche Ausstellung über den Bären-Sommer 2006. In den Anfangsjahren gab es auch eine Pinnwand, an der Besucher ihre Gedanken auf Zetteln hinterlassen konnten. „Wir haben hunderte Euros für Post-its ausgegeben“, erzählt Apel. Die meisten davon hat das Museum noch. Kinder schrieben „Armer Bruno“. Eine Schafhalterin fand: „Gut, dass er abgeschossen wurde.“ Ein Besucher hinterließ sogar ein ganzes Marterlgedicht für den Braunbären. Das hängt heute noch im Museum. Die restlichen Zettel sind inzwischen entfernt. Es kamen schon seit Jahren keine neuen mehr dazu.
Michael Apel erinnert sich noch gut, wie er mit dem Bruno-Präparator zusammensaß und überlegte, wie man den Bären am besten präsentiert. „Uns war wichtig, ihn weder als Trophäe, noch als Monster oder Kuscheltier zu zeigen.“ Sie entschieden sich für die Szene, die sich in Kochel abgespielt hatte. „Wir haben damals den Imker besucht, dessen Bienenstock Bruno ausgeraubt hatte.“ Sie bekamen nicht nur die Bienenstöcke, sondern auch einen Ast des Apfelbaums, den Bruno bei seiner Diebestour abgebrochen hatte. Auch der ist jetzt im Museum zu sehen. Außerdem mussten für die Szene 1000 tote Bienen präpariert werden – jede einzelne mit einem enormen Aufwand.
Apel war oft gewarnt worden, dass es ein Fehler sein könnte, den Bären ins Museum zu holen. Zu große Emotionen. Einige fürchteten Vandalismus. Aber dazu kam es nie. Auch eine von Jagdgegnern angemeldete Demo verlief friedlich. Einmal bekam er ein Paket mit einem toten Hasen geschickt, erzählt er. Weil er doch tote Tiere so liebe. Davon abgesehen sei aber genau das eingetreten, auf das Apel gehofft hatte: Brunos Geschichte wurde mit weniger Emotionen, dafür aber mit mehr Sachlichkeit diskutiert.
„Die Frage, die bleibt, ist doch, wie wir künftig mit der Rückkehr wilder Tiere umgehen“, sagt Apel heute, 20 Jahre nach dem bayerischen Bären-Sommer. Bären werden sich in den nächsten Jahrzehnten nicht hier ansiedeln, da ist er sicher. „Wenn einmal ein Bär in Bayern auftaucht, ist es immer ein junges Männchen auf Wanderschaft.“ Wölfe hingegen sind schon heute nicht mehr allzu seltene Gäste in Bayern. „Wir werden uns entscheiden müssen, welche Risiken wir durch Wildtiere akzeptieren können.“ Meistens, betont Apel, hätten die Menschen ja vor allem Angst vor allem Unbekannten.
Oft ist diese Angst aber genauso groß wie die Faszination. Das beweist ein Video in der Ausstellung. Das einzige Video, das von Bruno existiert. Aufgenommen wurde es von einem Mann, der eine Hütte reparierte, als der Bär durchs Rotwandgebiet spazierte. Im Film ist zu sehen, wie Bruno neugierig die Menschen beäugt und langsam näher kommt. Genauso fasziniert wird er von den Arbeitern beobachtet. „Ich hab ihn voll im Bild“, sagt der Mann mit der Kamera. „Der kommt auf uns zu, lass uns reingehen“, sagt der andere. Einen Moment bleiben sie aber noch stehen und filmen weiter. Bis die Angst größer wird als die Faszination.KATRIN WOITSCH