Natalia Mochalskyy.
Als ich am 18. März 2022 meine erste Zeitungs-Kolumne schrieb, war ich gerade aus Odessa nach Deutschland geflüchtet. Damals war ich überzeugt, dass ich nur für ein paar Wochen bleiben würde. Ich dachte: Dieser Krieg kann nicht lange dauern. Bald fahre ich wieder nach Hause. Seitdem war ich kein einziges Mal mehr in der Ukraine. Heute, mehr als vier Jahre später, schreibe ich in Garching hochschwanger meine 67. und vorerst letzte Kolumne. Leider nicht, weil der Krieg vorbei ist. Sondern weil ich bald in den Mutterschutz gehe und mich erst einmal um meine Tochter kümmern werde.
Ich bin mir sicher, dass diese Jahre nicht nur mein Leben verändert haben, sondern auch mich selbst. Ich habe Deutsch bis zum C1-Niveau gelernt, mich in der Hotellerie durchgebissen, mein humanitäres Visum gegen ein Arbeitsvisum eingetauscht, Beförderungen erhalten, geheiratet, den deutschen Führerschein gemacht – und im Juli werde ich Mutter. Geschafft hätte ich das alles aber nie ohne die Deutschen, denen ich auf meinem Weg begegnet bin. Menschen, über die ich geschrieben habe und die mein Schicksal verändert haben. Felix Sproll von der Partei Volt organisierte meine Flucht nach Deutschland. Fabian und Jonah, zwei Studenten aus Rosenheim, holten mich an der ukrainischen Grenze ab und fuhren mich quer durch Europa. Anna und Andreas nahmen mich mit offenem Herzen zwei Jahre lang bei sich auf. Noch heute bewahre ich die erste Karte von ihnen auf. Darauf stand nur ein Satz: „Liebe Natalia, willkommen zu Hause.” Gerade sie wurden in den ersten schweren Jahren meiner Integration zu meiner deutschen Familie.
Der Krieg hat mich keinen einzigen Tag losgelassen. Doch die Kolumnen haben mir unglaublich viel Kraft gegeben. Sie wurden für mich zu einer Brücke zwischen zwei Welten: zwischen Angst, Sorge um meine Eltern und den Nachrichten aus der Ukraine – und meinem neuen, sicheren Leben in Deutschland. Und diese Texte waren keine Einbahnstraße. Ich bekam Briefe, Karten und Nachrichten von Lesern. Eine Frau kam sogar extra in mein Hotel, nur um mich kennenzulernen und mir ein Geschenk zu bringen. Ein Leser erkannte mich am Staffelsee. Und Heidi Bäuml aus Seehausen schenkte mir ein handgemachtes Dirndl, das ich seitdem zu jedem Oktoberfest trage. Noch immer überrascht es mich, wenn Menschen sagen: „Ich lese Ihre Kolumne.” Gleichzeitig hat mir genau das das Gefühl gegeben, angekommen zu sein. Nicht nur in Deutschland, sondern mitten in der deutschen Gesellschaft. Mein nächstes Ziel ist jetzt ein gesundes Kind, meine kleine Familie und im Sommer 2027 die Rückkehr in den Beruf. Außerdem möchte ich im Frühjahr die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Von Herzen danke ich allen Leserinnen und Lesern, die meinen Weg begleitet, mitgefühlt und mir Mut gemacht haben. Und ich danke der Redaktion dafür, dass sie sich für das Thema „Ukrainer in Deutschland” interessiert und mir all die Jahre eine Stimme gegeben hat. Deutschland wird für mich immer meine zweite Heimat bleiben.