Dagmar Engelhardt aus Weilheim. © Constanze Wilz
Dagmar Engelhardt trägt einen traditionell japanischen Kimono, darüber ein zeremonielles Meistergewand. Anmutig bewegt sie sich durch die Räumlichkeiten des Weilheimer Zenkreises, den die 65-Jährige zusammen mit ihrem Mann Werner leitet. Die Handflächen vor dem Oberkörper zusammengedrückt, verneigt sich Engelhardt vor einem Schrein mit Buddha-Figuren. Sie zündet ein Räucherstäbchen an, atmet den Duft ein, führt jede Bewegung präzise aus. Diese Achtsamkeit ist wesentlicher Bestandteil des Rinzai-Zen, den sie seit Jahrzehnten praktiziert. „Es gibt ja nur diesen Augenblick. Und den muss man meistern“, erklärt sie. Inspiration fand Engelhardt während eines vierwöchigen Aufenthaltes in einem japanischen Tempel: Jeder Tag begann um 4 Uhr morgens, gefolgt von Rezitationen buddhistischer Sutras, die rhythmisch vorgetragen werden. Danach stand Zazen auf dem Plan. Das ist eine Meditation im Sitzen. Nach dem Frühstück war körperliche Arbeit angesagt. Bis 22 Uhr war der Tag getaktet. Was sich für viele wie ein Albtraum anhören mag, empfand Engelhardt als Bereicherung: „Das war eine tolle Erfahrung. Es hat mir gezeigt, was alles möglich ist und was man alles schaffen kann, wenn man konzentriert und zentriert arbeitet.“ Die Zeit im Tempel hat ihr Gespür für Ablenkungen im Alltag geschärft, die wertvolle Lebenszeit rauben. Sie will tiefer eintauchen, sich besser kennenlernen und andere auf diesem Weg inspirieren. Gehen muss ihn jeder selbst, betont sie. Jeder für sich und auch zusammen. Es gibt Treffen und gemeinsame Zeremonien.
Als sie 17 war, erkrankte ihre Mutter an Krebs. Während ihre Freunde die Nächte in der Disco durchtanzten, wachte sie am Krankenbett. Warum der liebe Gott das zulasse, fragte ihr Vater. Dieser Moment setzte etwas in ihr in Gang: „Ich hab mich auf die Suche gemacht.“ Die ersten Zazen erlernte sie durch Bücher. Bald schloss sich ihr Mann an. Heute geben beide zusammen ihr Wissen kostenlos weiter. „Zen hat viel mit Nähe zu dir selber zu tun. Du kannst dir nicht entkommen. Wer sich vor sich fürchtet, wird hier bei uns nicht verweilen.“CONSTANZE WILZ