KOLUMNE ZUM THEMA DEMENZ

Umzug ins Pflegeheim

von Redaktion

Das Thema Pflegeheim ist für viele Familien ein Angstthema. Gerade wenn ein Mensch mit Demenz zu Hause von Angehörigen begleitet wird, ist der Wunsch groß, alles so lange wie möglich allein zu schaffen. Doch irgendwann kommt der Moment, an dem sich die Frage nicht mehr verdrängen lässt: Geht es zu Hüause überhaupt noch gut?

Eine Angehörige erzählte mir von genau diesem Punkt. Ihre Mutter war an Demenz erkrankt, der Vater pflegte sie mit großer Hingabe. Lange funktionierte das gut. Doch irgendwann brauchte die Mutter so viel Unterstützung, dass der Alltag kaum noch zu bewältigen war. Der Vater war körperlich und emotional völlig überfordert und erschöpft. Die Tochter sagte: „Ich habe gesehen, wie liebevoll mein Vater meine Mutter begleitet hat. Aber ich habe auch erkannt, dass Liebe irgendwann nicht mehr ausreicht, wenn die Pflege zu schwer wird.“

Trotzdem fiel die Entscheidung für ein Pflegeheim der Familie unglaublich schwer. Vor allem, weil sich die Angehörigen so gefühlt haben, als hätten sie versagt. Als würden sie ihr Familienmitglied weggeben oder ihr Versprechen brechen. Töchter und Söhne geraten in dieser Situation in einen tiefen inneren Konflikt. Einerseits möchten sie die Wünsche ihrer Eltern respektieren, andererseits spüren sie, dass sie handeln müssen. In der Psychologie spricht man hier von einer „filialen Krise“ – dem Moment, in dem sich die Rollen verändern und Kinder plötzlich Verantwortung für ihre Eltern übernehmen müssen. Das fühlt sich zunächst ungewohnt an und man braucht Zeit, um in diese neue Rolle hineinzuwachsen. Meist bleiben Trauer und Angst vor der Veränderung. Was passiert im Pflegeheim? Wird meine Mutter, mein Vater gut versorgt? Welche Rolle will und darf ich in diesem neuen System einnehmen? Auch wenn man als Angehöriger das Gefühl hat, die Kontrolle zu verlieren, gibt es Möglichkeiten Teil des Pflegesettings zu sein. Vielleicht ist auch das ein Weg, mit der veränderten Situation besser zurechtzukommen. Gerne möchte ich Angehörigen auch mitgeben, dass es wichtig ist, mit dem Pflegepersonal darüber zu sprechen, welche eigenen Wünsche und Bedürfnisse da sind. Kommunikation ist so wichtig, weil sie Missverständnissen auf beiden Seiten vorbeugt.

Und noch ein ganz praktischer Tipp: Auch im Pflegeheim lässt sich ein neues Zuhause schaffen. Familienfotos, die Lieblingsdecke, vertraute Gegenstände und kleine Erinnerungsstücke aus dem Leben helfen, eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen. So kommt ein Mensch nicht nur an einen Ort, wo er gepflegt wird, sondern darf sich als Mensch mit Geschichte, Gewohnheiten und Würde fühlen.

Ich verstehe, dass viele Menschen dem Thema Pflegeheim kritisch gegenüberstehen, da es in der Gesellschaft negativ behaftet ist. Aber ich sehe in meinem Arbeitsumfeld, wie erleichternd dieser Schritt sein kann. Nicht nur für die Angehörigen. Auch Menschen mit Demenz können davon profitieren. Vielleicht müssen wir deshalb lernen, darüber zu sprechen, warum ein Umzug ins Pflegeheim je nach Situation sinnvoll und richtig sein kann. Und vor allem aber: Es bedeutet kein Scheitern.

Désirée von Bohlen und Halbach ist Gründerin und Vorstandsvorsitzende des Desideria e.V.

Artikel 1 von 11