Eine Cessna zerfetzte den Gleitschirm einer Frau. © privat
Unglaubliches Freiheitsgefühl: Ein Gleitschirmflieger segelt am Wank. Max Mayer ist Gleitschirm-Lehrer. © Pa
Penzberg/München – Max Mayer hat sein halbes Leben in der Luft verbracht. Als er 16 war, lernte er das Gleitschirmfliegen – heute bringt er es anderen bei. Und ein wichtiger Teil der Ausbildung ist die mentale Vorbereitung auf Situationen, in denen etwas nicht nach Plan laufen könnte.
In den vergangenen Tagen haben sich die Nachrichten von abgestürzten Gleitschirmfliegern gehäuft. Allein am Pfingstmontag waren es im Chiemgau und im Allgäu sieben (wir berichteten). Am Dienstag ist ein 60-Jähriger im niederbayerischen Haibach wegen starken seitlichen Windböen aus etwa 20 Meter Höhe abgestürzt und verletzte sich dabei schwer. Der aufsehenerregendste Vorfall ereignete sich aber nahe Zell am See in Österreich. Eine Cessna hatte den Gleitschirm einer 44-Jährigen erfasst und zerfetzt. Sie konnte sich nur dank ihrer schnellen Reaktion und eines Notfallschirms retten.
Unfälle wie dieser seien extrem selten, betont Max Mayer. In der Gleitschirm-Szene wird gerade viel über diesen Vorfall gesprochen, sagt der 32-Jährige. Natürlich auch in seiner Drachen- und Gleitschirmschule in Penzberg (Kreis Weilheim-Schongau). Manchmal, wenn man von vielen Unfällen nacheinander hört, entstehe das Gefühl, die Unglücke mit Gleitschirmen würden sich häufen, sagt er. Die Statistik zeige aber, dass die Zahl der Unfälle nicht gestiegen ist, sagt er. Deutschlandweit sterben pro Jahr rund zehn Gleitschirmflieger bei Abstürzen. Obwohl seit einigen Jahren immer mehr Menschen abheben, gibt es nicht mehr Todesfälle.
Max Mayer beobachtet den Trend zum Gleitschirmfliegen schon seit den Corona-Jahren. Zuletzt sind immer mehr Bergsportler dazugekommen. „Sie steigen auf den Berg und fliegen dann zurück ins Tal.“ Die Schüler, die er in Penzberg ausbildet, kommen aus allen gesellschaftlichen Gruppen. Genau das findet der 32-Jährige schön. „Es kommen Menschen zusammen, die sich sonst nie begegnen würden.“ Sein ältester Schüler war über 80. Er kennt aber auch einen aktiven Gleitschirmflieger, der sogar 89 ist. Den meisten Menschen, die damit anfangen, geht es ähnlich wie ihm selbst: „Sie kommen nicht mehr davon los.“
Mayer wundert sich kein bisschen darüber. „Es war ja schon immer ein Menschheitstraum, fliegen zu können.“ Günstiger und einfacher als mit dem Gleitschirm geht das nicht, betont er. Schon am zweiten Tag des Grundkurses heben die Teilnehmer an seinem Penzberger Übungshügel ab. In die Höhe kommen sie erst später, wenn sie gelernt haben, den Gleitschirm zu kontrollieren. Außerdem gehört viel Theorie zu der Ausbildung. Unter anderem, um alle Flieger auf brenzlige Situationen am Himmel vorzubereiten. „Wir simulieren viele Situationen. Zum Beispiel, dass ein Schirm einklappt.“ Auch Baumlandungen lernen die Schüler. Die seien nämlich eine recht sichere Methode, um einen Absturz abzufangen, erklärt Mayer.
Unfälle wie den mit der Cessna in Österreich nutzt er gezielt, um seine Gleitschirm-Schüler für alle Gefahren am Himmel zu sensibilisieren. Aber er betont: „Die meisten Unfälle passieren, wenn sich Menschen nicht an die Wetterregeln halten.“ Wäre das Gleitschirmfliegen ein unkalkulierbares Risiko, würde er es nicht machen, sagt er. „Bei gutem Wetter, einem guten Schirm und guter Ausbildung ist es ein extrem sicherer Sport.“
Immer wieder beobachtet er, dass sogar Menschen mit Höhenangst leidenschaftliche Gleitschirmflieger werden. Auch dafür hat er eine Erklärung: Man muss nicht abspringen, man fällt nicht – sondern wird getragen. „Der Gleitschirm vermittelt Sicherheit. Und ein unheimliches Freiheitsgefühl.“