Pilotprojekt für Demenzkranke

von Redaktion

Die Nachtpflege-Einrichtung in Allach ist bundesweit die einzige ihrer Art

Die Räume der Nachtpflege sind liebevoll eingerichtet. Die Gäste sollen sich dort wohlfühlen.

Gehirn-Jogging-Aufgaben helfen bei Demenz.

Die Mitarbeiter versuchen, Erinnerungen zu wecken: Rene Pastor zeigt dem Gast Johann Scharfbillig Fotos von Stars aus seiner Jugend. © wohlbedacht (3)

München – In Allach gibt es eine Einrichtung, die gleichzeitig Jugendherberge, Pfarrheim, Hotel und vieles mehr sein kann. Die Gäste sind kreativ in ihren Interpretationen. Denn eines haben sie alle gemeinsam: Sie leben mit einer Demenz und sehen die Welt anders. In der Nachtpflege des Vereins Wohlbedacht ist das vollkommen in Ordnung. Dort gibt es keine festen Bettgeh- oder Aufstehzeiten. Wer nicht im Sitzen essen kann, darf im Stehen essen. Und wenn ein Gast seinen Pullover linksrum trägt, darf er das gerne. Es gehe nicht um Korrektur, sondern um Wertschätzung, erklärt Christian Schmidt, der Pflegedienstleiter der Nachtpflege. „Wenn ein Gast seine Erdbeeren schälen möchte, soll er das machen.“

Das Projekt in Allach ist das einzige seiner Art in ganz Deutschland. Zwar bieten einige Pflegeheime auch eine Nachtpflege an. Doch in München steht die einzige solitäre Einrichtung. Obwohl die Zahl der Demenzkranken in den vergangenen Jahren immer weiter zugenommen hat. Bis 2050 könnte es mehr als 2,5 Millionen Betroffene in Deutschland geben.

Die Nachtpflege ist als Ergänzung zur häuslichen Pflege gedacht. Gegen 17 Uhr bringen Angehörige oder ein Fahrdienst die Gäste in die Einrichtung nach Allach. „Wir unterhalten uns oder machen Rätsel, bis es Zeit für das gemeinsame Abendessen ist“, sagt Christian Schmidt. Im Anschluss gibt es ein Abendprogramm, dann helfen Fachkräfte bei der Abendtoilette. Manche Gäste gehen früher ins Bett, bei anderen tickt die innere Uhr durch die Erkrankung anders. Wer mitten in der Nacht etwas anderes tun möchte als schlafen, wird dabei begleitet. Das gelingt nur, weil bei Wohlbedacht auf zwölf Betten zwei Betreuer kommen – in den Übergangszeiten am Abend und am Morgen sogar vier. In anderen Einrichtungen sind es meist deutlich weniger Pflegekräfte. „Wir bieten einen geschützten Raum“, betont Christian Schmidt. „Bei uns werden die Gäste in ihrer Welt ernst genommen und begleitet.“

Neben den Demenzerkrankten profitieren auch die Angehörigen von dem Projekt. Wer tagsüber seine Eltern oder den eigenen Partner betreut, kann sich körperlich und psychisch erholen. Für viele Angehörige ist die Nachtpflege die einzige Möglichkeit, die eigene Lebensqualität aufrechtzuerhalten, ins Kino zu gehen oder mit Freunden in Ruhe zu Abend zu essen. Sie können regelmäßige Termine buchen (auch als Abo). Aber auch Kurzzeitaufenthalte oder Notfalltermine sind möglich. Zumindest dann, wenn die Nachtpflege nicht ausgebucht ist. In solchen wird herumtelefoniert und improvisiert, um eine Lösung zu finden. Eigentlich, sagt Christian Schmidt, bräuchte es viel mehr Einrichtungen dieser Art. Nicht nur in Zukunft, sondern heute schon.VINCENT SUPPÉ

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