Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Sie soll eine Außenstelle in München bekommen. © Debbie Hill/epd
Geschichtsträchtig: die Akademie der Technikwissenschaften am Münchner Karolinenplatz. Hier soll das Bildungszentrum von Yad Vashem einziehen. Früher befand sich das NSDAP-Parteigericht in dem Gebäude. © Marcus Schlaf
München – „Was für eine Ehre!“, kommentiert Ministerpräsident Markus Söder (CSU). „Ein starkes Zeichen“, so sieht es Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze: Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem will ein Holocaust-Bildungszentrum in München eröffnen. Es ist die erste Außenstelle der international bekannten Einrichtung außerhalb Israels – und: Es ist eine Entscheidung mit Aha-Effekt. Denn nachdem der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) mit Yad Vashem eine Grundsatzvereinbarung zur Ansiedlung einer deutschen Zweigstelle getroffen hatte, gingen Bewerbungen aus München, Sachsen und Nordrhein-Westfalen ein. In Leipzig ist nun eine kleinere Dependance von Yad Vashem geplant. Nordrhein-Westfalen geht leer aus.
Die Landeshauptstadt sei „die richtige Entscheidung“, kommentierte Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. München als frühere „Hauptstadt der Bewegung“ und heutiger Knotenpunkt von jüdischem Leben in Europa biete perfekte Voraussetzungen für diese Einrichtung. Ähnlich sieht es auch Dani Dayan, der Direktor von Yad Vashem. „Die Wahl Münchens, der Geburtsstätte der NSDAP, hat eine tiefe symbolische Bedeutung.“
Nach Informationen unserer Zeitung wird Yad Vashem an den Karolinenplatz 4 ziehen – und zwar in ein historisch sensibles Anwesen, das dem Freistaat Bayern gehört. Das 1812 erbaute Palais Toerring-Seefeld lag in der NS-Zeit im sogenannten Parteiviertel und war Standort des Obersten Parteigerichts der NSDAP. Im Krieg wurde das Gebäude zerstört, aber nach 1945 wieder aufgebaut. Lange war hier die Staatliche Lotterieverwaltung untergebracht, seit 2015 indes die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften („acatech“), die nun wohl ausziehen muss. Yad Vashem will die Zweigstelle in München innerhalb von drei Jahren eröffnen, das wäre 2029. Unmittelbar daneben hat das Israelische Generalkonsulat seinen Sitz, gleich nebenan ist das NS-Dokumentationszentrum.
Einen besseren Standort könne es nicht geben, sagt der bayerische Antisemitismusbeauftragte Ludwig Spaenle, der die Entscheidung mit persönlichen Gesprächen mit Yad Vashem in Israel angeschoben hatte. Auch Ministerpräsident Söder schaltete sich ein, warb vor einer Delegation der Bildungsstätte für München. „Wir haben ihnen gezeigt, was München kann“, sagt Spaenle. Ausschlaggebend war aber auch, wie Yad Vashem explizit hervorhebt, der „hohe Sicherheitsstandard“, den Bayern bieten kann, sowie die internationale Anbindung Münchens mit seinem Flughafen. Auch das „Netzwerk relevanter Institutionen“ erwähnt Yad Vashem – gemeint sind etwa das nahe Institut für Zeitgeschichte oder die staatlichen Archive, die die Schlüsseldokumente zur Entstehung der NSDAP 1919/20 verwahren.
Erst in Ansätzen ist bekannt, welche Schwerpunkte die Münchner Dependance von Yad Vashem setzen wird. Dayan sagte, Yad Vashem werde „historisch fundierte Holcaust-Bildung“ bieten. Spaenle rechnet mit einer Dauerausstellung, Tagungen und Bildungsprogrammen etwa für Lehrer und Schüler. Erkennbar sei in den Vorgesprächen gewesen, dass Yad Vashem die Bedeutung des ost- und südosteuropäischen Judentums mit seiner durch den Holocaust vernichteten Schtetl-Kultur hervorheben wolle. Auch habe Yad Vashem das Jahr 2033 im Blick – dann jährt sich Hitlers Machtübernahme zum 100. Mal.
Der Direktor von Yad Vashem, Dani Dayan, gilt als Mann klarer Worte. Im „Tagesspiegel“ hatte er eine Regierungsbeteiligung der AfD als „Schande für Deutschland“ bezeichnet – dies sei „weder regional noch national“ tragbar. Der 70-Jährige ist kein Historiker, sondern Unternehmer aus der Hightech-Branche, gilt als Netanjahu-Freund und steht der israelischen Siedlerbewegung nahe. Doch werde Yad Vashem in München sicher keine ideologisch geprägte Bildungsarbeit betreiben und nicht Israel-Kritik plump als Antisemitismus abtun, sagte Spaenle.DIRK WALTER