100 Jahre Liebe und Leid

von Redaktion

Donauwörth auf einer Postkarte der 1930er-Jahre: Hier verbrachte Martha Lichtenstern ihr ganzes Leben. © imago

Mit Zuversicht in die Zukunft: Die 100-jährige Martha Lichtenstern in ihrer Küche in Donauwörth. © Christopher Beschnitt

Donauwörth – Martha Lichtenstern sitzt am Esstisch in ihrer Küche in Donauwörth. Hinter ihr braune Fliesen aus lang vergangenen Jahrzehnten, im Winkel über der Eckbank ein kleines Holzkreuz. Ein einfaches, schlichtes Heim. Und doch ist Lichtenstern im Alter von 100 Jahren reich – an Erfahrung, Frohmut und Zufriedenheit. „Wenn mir jeden Tag ein Pfennig bleibt, bin ich nicht arm – das hat mein Vater immer gesagt“, erzählt sie und lacht. In ihr Gesicht haben sich all die Jahrzehnte eingegraben, doch sie trägt weder Brille noch Hörgerät. Ihr Blick ist geradezu jugendlich, ihr Händedruck fest. Vielleicht noch so fest wie damals, als Lichtenstern als Madl einmal die Zügel eines Pferdes halten musste, das in die Donau springen wollte.

So muntere Geschichten erzählt Lichtenstern von ihrer Kindheit auf dem Bauernhof. Auch, wie sie die Kühe im Sommer kilometerweit zum Saufen zum Fluss treiben musste, weil der Bach beim Hof ausgetrocknet war. „Die Wasserleitung kam erst 1949.“ Aber nicht nur an die harte Arbeit erinnert sich Lichtenstern gut, auch an ihre Mutter. Sie kam als Letzte von fünf Kindern zur Welt. Rothaarig. Nach zwei Schwestern wieder als Mädchen. „Gewollt hat man mich nicht, gebraucht umso mehr.“ Die Mutter hatte nur wenig Liebe zu geben: „Einmal hat sie mich mit einem so dicken Stecken verhauen, mit dem Vieh hätte man das nicht getan.“

Es waren gewaltvolle Zeiten, nicht nur auf dem Hof in Bayerisch-Schwaben. Marthas Vater kam nach vier langen Jahren auf dem Schlachtfeld im Ersten Weltkrieg versehrt zurück. Umso mehr mussten die Kinder anpacken. 1939 kam schon der Zweite Weltkrieg. Damals fiel Marthas Lieblingsbruder. Die Erinnerung daran lässt Martha Lichtenstern noch heute ihre Hände zusammenfalten, wie zum Gebet. 1943 wurden Soldaten auf dem Hof einquartiert, um in den Wäldern ringsum Holz zu schlagen. Einer davon: Marcel Lichtenstern aus der Nähe von Augsburg.

Dass Martha und Soldat Marcel elf Jahre trennten, war nicht der Grund dafür, dass ihre Liebe auf Hürden stieß. Sie war evangelisch, er katholisch. „Mischehe nannte man das. Für viele ein Unding“, erzählt die Seniorin heute. „Meine Schwiegermutter kam weder zur Trauung noch zur Taufe unserer vier Kinder.“ Als Paar aber halten die Lichtensterns zeitlebens fest zusammen: „Ich kann mich nicht an einen Streit erinnern. Man muss halt miteinander reden und zusammenkommen.“

Im Februar 1946 hatte das Paar geheiratet, schon drei Monate später kam die erste Tochter zur Welt. „Hach, die war bei der Hochzeit ja schwanger“, hätten manche Leute getuschelt, berichtet Martha Lichtenstern heute. Und lacht dann laut auf: „Aber nein, hab ich gesagt, das war nur eine Frühgeburt!“

Wer 100 Jahre alt wird, der überlebt nicht selten seine Liebsten. „Das ist das Schlimmste“, sagt die Seniorin nun voller Ernst. „Dem eigenen Kind ins Grab schauen zu müssen.“ Ihre älteste Tochter ist seit sechs Jahren tot. Manches bleibt für immer hängen – so wie der plötzliche Tod ihres geliebten Marcels. Herzinfarkt, 1981, mit nur 66 einfach umgefallen. Allein ist Martha Lichtenstern aber zum Glück nicht: Ihre neun Enkel, 19 Urenkel und zwei Ururenkel wohnen zwar verstreut. „Aber es ruft jeden Tag jemand an“, freut sie sich. Eine Familie zu sein, bedeute heute Halt. Nicht mehr Härte, wie damals, als sie noch ein Kind war.

Evangelisch hier, katholisch da: „Was soll das?“, fragt Martha Lichtenstern aber heute noch empört. „Es gibt doch nur den einen Herrgott!“ Und der möge im Übrigen doch bitte bei ihr sein, wenn der Tod mal kommt. Was danach kommen mag? Wer weiß! Lichtenstern war früher Pflegehelferin im Altenheim und bekam in den Siebzigern mal von einer Seniorin prophezeit, dass sie dann auf den Mars kommen würde. Eine Weissagung im Leben der Lichtensterns aber stimmte. Ein Wahrsager verriet Marcel in den Dreißigern, dass wieder Krieg sein würde – und danach die Hochzeit mit einer Rothaarigen aus Donauwörth.

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