KI und Roboter für die Pflege

von Redaktion

Der Putzroboter entlastet Mitarbeiter im Heim.

Tablets erleichtern Felix Okoidegun die Dokumentation.

Mit VR-Brille tauchen die Bewohner in neue Welten ein.

Den interaktiven Touchscreen nutzen besonders gerne männliche Bewohner, um sich im Heimalltag zum Beispiel mit Spielen oder Videotelefonie zu beschäftigen. © Möckl (4)

Karlsfeld – Der ältere Herr sitzt leicht nach vorn gebeugt in seinem Rollstuhl. Seine Hände hat er auf den Tisch gelegt. Ein Klicken, dann verschwindet die Welt um ihn herum. Er befindet sich jetzt nicht mehr im Aufenthaltsraum des Pflegeheims, in dem er lebt. Sondern in einer Unterwasserwelt. Dank der VR-Brille, die er mit Unterstützung seiner Betreuerin ausprobieren darf. Es hilft ihm dabei, in eine computergenerierte Wirklichkeit einzutauchen. Die Virtuelle Realität ist eine von zahlreichen Innovationen, die die Korian-Stiftung im Pilotprojekt „Pflege 2030“ zusammen mit der Uni Bremen und dem Fraunhofer-Institut im Pflegeheim Curanum in Karlsfeld (Kreis Dachau) seit dreieinhalb Jahren testet. Das Pflegeministerium fördert das Projekt mit 3,1 Millionen Euro.

Im Haus Curanum kommen VR-Brillen fast täglich zum Einsatz. Zur Entspannung, für Erinnerungsreisen und digitale Ausflüge. „Den Bewohnern hilft es, wieder an Orte zu kommen, die sie nicht mehr erreichen können. Und den Betreuern hilft es für die Biografiearbeit“, erklärt Viola Walburg, die Projektleiterin vom Heim-Betreiber Korian Deutschland. „Es ist eine Win-win-Situation für Beschäftigte und Bewohner“, betont sie.

Zu den insgesamt zehn Techniken, die das Pflegeheim einführte, zählen auch Sturzsensoren. Die erkennen, wenn ein Patient hinfällt, und alarmieren den Pflegedienst. „Für Menschen, die nicht mehr selbstständig Hilfe rufen können, bedeutet das mehr Sicherheit“, erklärt Walburg.

Bevor das Modellprojekt im Oktober 2022 starten konnte, musste sich das Pflegeheim in Karlsfeld aber einigen Herausforderungen stellen. Denn das Gebäude stammt aus dem Jahr 1998 und musste erst mit WLAN und Glasfasertechnik ausgestattet werden. Einige der insgesamt 100 Mitarbeiter waren anfangs skeptisch, wie Einrichtungsleiter Holger Jantsch berichtet. Vor allem im Servicebereich bestand die Sorge, dass Putzroboter langfristig Arbeitsplätze ersetzen könnten. Andere befürchteten, dass die neue Technik erst einmal mehr Arbeit bedeute. „Am Anfang dachte ich, das ist nur zusätzlicher Stress“, sagt Felix Okoidegun. Mittlerweile will sich der Pfleger seinen Arbeitsalltag ohne KI, Tablet und Smartphone gar nicht mehr vorstellen. „Die Arbeit ist deutlich leichter geworden.“ So können Pflegekräfte ihre Dokumentationen nun direkt per Spracheingabe in ihr Smartphone eingeben, statt wie früher schriftlich. Gerade für Menschen mit Migrationshintergrund, die besonders häufig im Pflegebereich arbeiten und im Haus Curanum etwa die Hälfte der Beschäftigten ausmachen, sei das ein großer Gewinn, betont Jantsch.

Auch die Qualität der Dokumentation nehme zu, da weniger Informationen verloren gingen. Denn es kann unmittelbar dokumentiert werden. Zuvor mussten die Pflegekräfte Inhalte manchmal nach Stunden rekonstruieren. „Wir haben einen Zeitgewinn von einer halben Stunde pro Tag“, sagt der Pflegeheimleiter. Für die Pflegekräfte bedeutet das eine große bürokratische Entlastung.

Neben der Dokumentation nutzte das Heim auch KI-gestützte Systeme zur Einsatzplanung. „Fällt eine Pflegekraft aus, kann das System Tätigkeiten neu verteilen und berücksichtigen, welche Qualifikationen erforderlich sind und welche Bedürfnisse Bewohner haben“, erklärt Jantsch. Es gehe dabei nicht um eng getaktete Minutenpläne, vielmehr solle verhindert werden, dass Aufgaben im hektischen Alltag untergehen oder Mitarbeitende ständig aus ihrem freien Tag zurückgerufen werden müssen. „Gerade die Planbarkeit von Freizeit ist für viele Beschäftigte ein wichtiger Faktor und oft Grund, warum Pfleger ihren Beruf verlassen“, sagt er.

Nicht alle getesteten Anwendungen überzeugten aber in der Praxis. Manche Systeme wie eine Smartwatch zur Tagesstrukturierung erwiesen sich als zu kompliziert oder nicht ausreichend an die Bedürfnisse von Senioren angepasst. Andere Anwendungen wie ein Pflegeroboter seien zwar technisch interessant gewesen, hätten im Pflegeheim aber keinen echten Mehrwert gebracht, sagt Jantsch. Das Projekt habe aufgezeigt, wo Grenzen digitaler Innovationen liegen. Jantsch ist aber überzeugt: Digitale Technik kann helfen, den Fachkräftemangel in der Pflege abzufangen. Es gehe nicht darum, Personal durch Roboter auszutauschen. Vielmehr sollen sich die Pfleger und Betreuer mithilfe digitaler Technik wieder auf das konzentrieren können, was ihren Beruf ausmacht und was keine KI ersetzen kann: das Zwischenmenschliche.

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