Neues Herz, neues Leben

von Redaktion

Voller Lebensfreude: Stefanie Sigl kann dank ihres Spenderherzens wieder ein ganz normales Leben führen. © Marcus Schlaf

München – Als Stefanie Sigl aus der Narkose aufwacht, spürt sie ihr Herz mit dem ganzen Körper. Es pocht so stark, dass sie es kaum ausblenden kann. Sie spricht mit ihrem Herz, wochenlang. Bis es sich anfühlt, als sei es ihres. Danach hört sie das Pochen nicht mehr ständig im Kopf. Doch bis heute ist es für sie nicht selbstverständlich, dass sie mit einem starken Herzschlag durchs Leben geht.

Denn das war nicht immer so. Sie war 25, als sie erfuhr, dass etwas nicht stimmt. Dilatative Kardiomyopathie lautete die Diagnose der Ärzte – eine Erkrankung des Herzmuskels, bei der sich die Herzkammern erweitern und die Wände dünner werden. Zwölf Jahre lebt Stefanie Sigl mit dieser Diagnose, dann wird ihr ein Defibrillator implantiert. Doch die Herzrhythmusstörungen werden stärker, immer wieder löst der Defi in ihrer Brust aus. An einem Tag in der Arbeit sechsmal hintereinander. Im Herzzentrum Großhadern wird ihr nach der Untersuchung geraten, sich für ein Spenderherz listen zu lassen. Sigl weiß, dass sie sich auf eine lange Wartezeit einstellen muss. Aber es dauert nur ein paar Wochen, bis sie in der U-Bahn sitzt und der Defi das nächste Mal von ihrem Herz ausgelöst wird. Am 23. Dezember 2017 liegt sie auf der Intensivstation, die Ärzte raten zu einer sogenannten HU-Listung – HU steht für high urgency, die höchste Dringlichkeitsstufe. Doch so weit kommt es nicht mehr.

Am Abend des 25. Dezembers kommt die Ärztin in ihr Zimmer. „Wir haben ein Spenderherz für Sie.“ Die Worte kommen noch nicht wirklich bei Sigl an. „Ich habe anfangs geglaubt, dass das ein Irrtum sein muss“, sagt die 49-Jährige aus Markt Schwaben (Kreis Ebersberg) heute. Sie kennt andere Patienten, die fast ein Jahr auf ein Spenderherz warteten. Wenige Stunden später wird sie in den OP geschoben. Aber erst als der Arzt kurz vor der Narkose sagt, dass das Spenderherz untersucht wurde und transplantiert werden kann, begreift sie ihr Glück.

Inzwischen lebt Stefanie Sigl seit achteinhalb Jahren mit ihrem neuen Herzen. Die erste Zeit in großer Sorge, ihr Körper könnte es abstoßen. Herztransplantierte müssen auf vieles achten, zum Beispiel bei der Ernährung. Sie dürfen keinen rohen Schinken oder rohen Fisch essen, kein rohes Ei, keine Salami. Auch Menschenmengen müssen sie anfangs meiden, um das Infektionsrisiko so gering wie möglich zu halten. Außerdem müssen sie Immunsuppressiva nehmen und auf Alkohol und Zigaretten verzichten. All das fällt Sigl nicht schwer.

Seit dem 25. Dezember 2017 ist nicht ein Tag vergangen, an dem sie nicht an den Menschen gedacht hat, dem sie ihr Herz zu verdanken hat – der an Weihnachten gestorben ist. Sie weiß nicht, wer es war – diese Informationen gibt die Deutsche Stiftung Organtransplantation nicht heraus. Seit April 2019 ist es aber erlaubt, anonym einen Brief an die Angehörigen des Spenders zu schicken. Das hat Stefanie Sigl vor gut einem Jahr geschafft. Obwohl es vom ersten Tag an ein Herzenswunsch für sie war. Es hat gedauert, bis sie die richtigen Worte gefunden hat. Eine Antwort hat sie nicht bekommen. Manchmal hat sie das Gefühl, dass ihr Herz von einer jungen Frau stammt, die Kinder hatte. Erklären kann sie das Gefühl nicht. Genauso wenig, dass sie sich oft selbstbewusster fühlt, seit sie ein neues Herz hat. „In Gedanken spreche ich oft mit meinem Spender“, sagt sie. Er ist für sie wie ein Schutzengel. „Jedes Mal, wenn ich in einer Kirche bin, zünde ich eine Kerze für die Person an.“

Das Pochen ihres neuen Herzens ist für Stefanie Sigl nicht mehr in jedem Moment so deutlich spürbar wie in den ersten Wochen. Und trotzdem hat es jeden Tag verändert. Nicht nur, weil sie wieder mit ihrem Sohn und ihrem Mann in die Berge gehen kann. „Ich lebe jeden Tag im Hier und Jetzt“, sagt sie. Nichts wird aufgeschoben, für alles, was ihr wichtig ist, nimmt sie sich Zeit. Aus Dankbarkeit für jeden Tag Leben, den sie geschenkt bekam.

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