Herr der Presse: Robert Weingartner druckt mithilfe der Steinplatte eine Landkarte.
An der Karte: Wolfgang Blum (v.l.), Redakteur Dirk Walter und Minister Albert Füracker.
Stein-Archiv: 26.637 Platten mit eingeritzten Landkarten bilden Bayerns „kartografisches Gedächtnis“. © Marcus Schlaf (3)
München – Im Münchner Lehel, im Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung, liegt das kartografische Gedächtnis Bayerns. Es ist ein Archiv aus Stein. Daniel Kleffel öffnet eine Metalltür zu einem großen Kellerraum mit langen Regalreihen. Kühl ist es hier. Es sind keine Akten oder Bücher, die hier lagern. Sondern Steinplatten. 60 mal 60 Zentimeter groß, acht bis zwölf Zentimeter dick, je 50 bis 70 Kilo schwer. 26.637 Stück genau.
Auf den Platten sind Landkarten eingeritzt. Von ganz Bayern und angrenzenden Gebieten wie Sachsen-Meiningen, Pfalz und Sachsen-Coburg. Jede Platte deckt einige Quadratkilometer ab. Der Katastertechniker Wolfgang Blum war lange beim Vermessungsamt. Mittlerweile ist er pensioniert und begibt sich ehrenamtlich auf die Spur der Steine. Die Geschichte ist kurz gesagt die: Die „Uraufnahme“ Bayerns entstand zwischen 1808 und 1864. Vermesser fertigten Uraufnahmeblätter an. Diese Katasterkarten wurden auf Steinplatten übertragen, die als Druckplatten dienten. Gleichzeitig, sagt Blum, entwickelte der Erfinder Alois Senefelder (1771-1834) die Steindruckerei. Sein „Vollständiges Lehrbuch zur Steindruckerey“ war ein Standardwerk. Stein war billiger als alle anderen Materialien. „Der bayerische Staat hätte sich Kupfer nie leisten können“, sagt Blum.
Jedes Grundstück in Bayern wurde in Stein gemeißelt, oder besser gesagt: geritzt. Der Grund für diese Mühe, die im frühen 19. Jahrhundert Kartografen beschäftigte, war ein finanzieller: Der bayerische Staat wollte über die Grundstücksgrößen Bescheid wissen – und Steuern erheben. Wenn sich an dem Zuschnitt der Grundstücke etwas änderte, konnte der Stein leicht abgeschmirgelt und die neue Grundstücksgrenze eingeritzt werden. Bis in die 1950er-Jahre wurden die Steine immer wieder aktualisiert und auf Papier abgedruckt.
Die Vervielfältigung dieses einzigartigen Lageplans von Bayern ist ein eigenes Kapitel: Daniel Kleffel führt vom Steinarchiv zurück ins Erdgeschoss. Oben wartet schon Robert Weingartner, der Mann an der Presse. Es gibt verschiedene Druckverfahren und Steindruckpressen. Zuerst wird die Farbe mit einer Walze auf den Stein aufgetragen. Dann wird gekurbelt und gepresst.
Das Landesamt ist eine riesige Behörde mit über 3000 Mitarbeitern. Die Hauptaufgabe des in 51 Ämter untergliederten Landesamts ist die Führung des Liegenschaftskatasters. Bayern ist in über zehn Millionen Flurgrundstücke unterteilt. Jedes Jahr gibt es 30.000 Anträge auf Grundstücksvermessung. Die unternehmen 500 Messtrupps.
Sogar Bayerns Finanzminister Albert Füracker, dem das Vermessungsamt ressortmäßig zugeordnet ist und der schon öfter hier unten im Steinarchiv war, lernt bei der Führung noch was zu. Denn Blum erklärt, dass das Archiv nicht aus Solnhofer Platten besteht, wie man landläufig annimmt. Sondern sie kommen aus dem Nörnsheimer Steinbruch im Altmühltal. „Dort gibt es die beste Qualität weltweit“, sagt Blum. Und er muss es wissen. Wieder was gelernt, sagt Füracker.DIRK WALTER
Besuch im Archiv aus Stein
Der Festakt „225 Jahre Bayerische Vermessungsverwaltung“ findet am 10. Juni statt. Am 13. September (Tag des offenen Denkmals) ist auch das Stein-Archiv zu besichtigen. Wer nicht so lange warten möchte: Besichtigungen mit Gruppen von bis zu 20 Personen sind willkommen. Anmeldung und Terminvereinbarung über pressestelle@ldbv.bayern.de