Gehirn-Genie mit 71 Jahren

von Redaktion

Dr. Gisela Bolbrügge aus Neufahrn ist Deutschlands älteste aktive Gedächtnissportlerin

Das menschliche Gehirn liebt Routine. © Smarterpix

Pokal und Urkunde für die Vize-Meisterin: Gisela Bolbrügge hat gerade bei den Europameisterschaften (Senioren) abgeräumt. 2024 stellte sie einen Weltrekord auf. © Rainer Lehmann

Ihr Gehirn speichert lange Zahlenfolgen und Bilder wie ein Computer: Dr. Gisela Bolbrügge aus Neufahrn (Kreis Freising), die früher in der IT-Branche gearbeitet hat, ist Deutschlands älteste aktive Gedächtnissportlerin und nimmt seit zwei Jahren an Meisterschaften teil. Ihr jüngster Erfolg: Vize-Europameisterin in der Kategorie Senioren bei ihrem ersten internationalen Auftritt bei Kopenhagen.

Wie sieht solch eine Aufgabe beim Wettbewerb aus?

Man bekommt 30 Nullen und Einser in einer Reihe vorgelegt, auf einer Seite befinden sich zwölf Reihen. Dann hat man fünf oder 15 Minuten Zeit, um sich die Reihen einzuprägen, um sie dann wieder am Computer einzutippen. Pro richtiger Reihe gibt es 30 Punkte, bei einem Fehler 15 Punkte und bei zwei Fehlern null Punkte.

Ihr Gehirn speichert wie ein Computer 00001110101001 und das 360 Zeichen lang?

Ja, so ungefähr. Aber man teilt sich die Reihen auf und entwickelt eine Struktur, wie man das macht. Und das ist nichts im Vergleich zu manchen Sportlern, die sich die Kreiszahl Pi mit 18.000 Stellen nach dem Komma merken können.

Haben Sie Ihr Gehirn mal an den Rand seiner Leistungsfähigkeit gebracht?

Ja. Ich verknüpfe Bilder oder Zahlen mit einem Spaziergang durch eine Wohnung oder einen Ort. Diese Routen oder Gedächtnispaläste sind immer dieselben. Ich habe Routen mit 60 bis 100 Routenpunkten. Könner haben mehrere Tausend. Bei meinem ersten Wettbewerb hatte ich nur einen Gedächtnispalast gelernt für alle Aufgaben. Da kam es zu Verwechslungen.

Wie oft trainieren Sie?

Im Normalfall vier-, fünfmal die Woche, vor Wettbewerben ein bis zwei Stunden in den unterschiedlichen Disziplinen. Daneben arbeite ich immer noch hin und wieder, gebe Trainings im Projektmanagementbereich. Außerdem habe ich schon immer gerne gerätselt. Sudokus oder Kreuzworträtsel mache ich nach wie vor gerne.

Was hat Sie motiviert, Ihren Kopf in Ihrem Alter solchen Strapazen auszusetzen?

Es ist schön, dass ich mit meinem Sport zeigen kann, dass man auch im Alter ein bisserl was gebacken bekommt. Man muss nicht in Rente gehen und dann die geistige Tätigkeit einstellen. Klar tut man sich mit Ende 60 schwerer, in die Wettbewerbe einzusteigen, als ein 20-Jähriger, aber man kann dennoch einiges schaffen.

Konzentrieren Sie sich beim Training aufs Gehirn?

Ich gehe auch ins Fitnessstudio, es schadet bestimmt nicht, wenn alle Regionen des Körpers gut durchblutet werden.

Ist Vergesslichkeit überhaupt ein Thema für Sie?

Ich suche oft nach meinem Schlüssel. Vermutlich liegt das aber daran, dass ich in diesem Bereich ordentlicher sein und mir eine gewisse Routine zulegen könnte.

Welche Rituale stärken Ihr Gehirn besonders?

Da habe ich keine speziellen, ich übe, wiederhole meine Routen schriftlich – von der Hand ins Hirn. Wiederholung stärkt die Synapsen, und der Gebrauch verschiedener Sinne speichert die Informationen auf unterschiedlichen Wegen im Gehirn. Wenn ich Zahlen sehe, beispielsweise an Autoschildern, übersetze ich diese in Bilder. Geschichtliche Daten übersetze ich in Bilder oder Geschichten, um bestimmte Dinge zu merken, wie die deutschen Bundeskanzler.

Hilft das auch, sich seine PIN-Nummern oder Passwörter zu merken?

Gedächtnissportler verbinden mit jeder Zahl einen Buchstaben und bilden daraus Wörter und Bilder. Ein Beispiel: Ihre PIN ist 2780. Die 2 ist ein N und die 7 ein K. Daraus mache ich das Wort Nike. Die 8 ist ein F und die 0 ein S. Daraus baue ich das Wort Fass. Wenn ich meine PIN vergessen würde, stelle ich mir in der Bank Nike-Schuhe vor, die auf einem Fass stehen.

Profitiert man generell von diesem Sport?

Klar, vor allem im Alter. Gedächtnissport soll laut Medizinern gegen Demenz helfen und eine kognitive Reserve bilden, auf die man zurückgreifen kann. Außerdem habe ich einfach Spaß dabei. Das hat einen generellen positiven Effekt.

Welche Tipps haben Sie für ältere Menschen, um ihr Gehirn fit zu halten?

Sich neue Themen vornehmen. Fürs Gehirn gilt wie für Muskeln: „Use it or lose it.“ Immer nur Kreuzworträtsel und Sudoku sind nicht ausreichend, auch wenn ich es gerne mache. Wer viel reist, könnte sich dort mit der Geschichte befassen.

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