Sechs Meter hoch und 1100 Jahre alt: Die Ur-Eibe von Steibis soll Nationalerbe werden.
Steibis – Je länger man schaut, desto mehr Gestalten tauchen auf. Sonderbar muten sie an, wie Gnome, Trolle, Hexen, manche gar außerirdisch. Der wohl älteste Baum Deutschlands ist voll von schrägen Gesichtern. Tausend Löcher, Spalten und Risse in ihrem Holz lassen die Eibe von Steibis im Oberallgäu wie ein Wesen voller Augen, Münder und Nasen erscheinen. 1100 Jahre lang ist all das gewachsen.
Auf dieses enorme Alter schätzt die Deutsche Dendrologische Gesellschaft die Steibiser Eibe. Der Baum wächst also schon seit Zeiten, da die Jahreszahlen noch dreistellig waren; die Experten kennen bundesweit keinen, der älter wäre. Am 18. Juni will die Gesellschaft die Eibe daher zum Nationalerbe-Baum ausrufen. Als solcher soll er fortan besonders geschützt werden.
Wer den Holz-Methusalem besuchen möchte, braucht ein bisschen Kondition. Von der Talstation der Hochgrat-Bergbahn tief im Süden Bayerns führt ein steiler Weg hinauf zur Unterlauchalpe. Eine halbe Stunde strammen Marsches später steht man dann keuchend gut 1000 Meter über dem Meer. Die Ur-Eibe wächst rund 300 Meter hinter dem Alphof bergan auf einer Weide. Sie fällt jedoch vom Weg aus nicht auf, denn drum herum stehen viele größere Gehölze, vom herrlichen Gipfelpanorama ganz zu schweigen. Da kann die Eibe nicht mithalten; sie bringt es gerade mal auf etwa sechs Meter Höhe. Sie erinnert an ein altes Mütterchen aus dem Märchen: zerzaust, verwittert und von irgendwie geheimnisvoller Aura. Wer sich davon anlocken lässt, bemerkt erst aus der Nähe, wie breit der Baum ist: Der Stamm misst einen Umfang von 5,1 Metern. Damit gilt die Ur-Eibe nicht nur als Altersrekordhalterin, sondern auch als dickste Eibe Deutschlands.
Talwärts scheint der massige Stamm fast zu bersten, zum Hang hin ist er ausgehöhlt. Seine Rinde ist mal schuppig und mal glatt, die Farben spielen zwischen Ochsenblutbraun und Knochengrau, an manchen Stellen gibt es moosgrüne Tupfer. Da, wo der Stamm geöffnet ist, rahmen Borkenstücke die Lücke von links und rechts wie ein Portal. Irgendwo droben im Dach aus dunkelgrünen Nadeln singen Vögel zwischen den mächtigen Ästen. Die Ur-Eibe, sie wirkt wie eine Kathedrale der Natur; wie eine ganze Landschaft, bizarr und bloß aus Blatt und Borke.
Elf Jahrhunderte mögen es bisher gewesen sein, schätzt die Dendrologische Gesellschaft. Vielleicht auch nur neun, womöglich aber auch schon 13. So oder so: Die Eibe ist ein lebendiger Gruß aus dem Mittelalter. Bis heute trägt der weibliche Baum sogar Früchte. Um sie herum blühen Trollblumen, Enziane, selbst Orchideen. Und so möge es bleiben: „Die Leute sollen hier bittschön bloß nicht die Weide kaputtlatschen“, beschwört Herbert Mader etwaige künftige Nationalbaum-Pilger. Er ist der Alpmeister der Weidegenossenschaft Maierhöfen, auf deren Grund die Eibe steht. Ja, sagt Mader, man sei schon stolz darauf, den ältesten Baum zu haben. „Zur Ausrufung als Nationalerbe werden ja auch eine Info-Tafel und zwei Bänke aufgestellt.“ Aber am Weg unterhalb des Gehölzes, nicht in der Weide. Die Ur-Eibe soll weiterhin in Ruhe altern können.
Die Engländer hatten einst viel Eibenholz für Schiffbau und Gewehrkolben gekauft. Die Ur-Eibe ist wohl übersehen worden. Laut Experten haben Eiben ein Alterspotenzial von 2000 Jahren. Ein paar Jahrhunderte hat die Ur-Eibe noch vor sich.CHRISTOPHER BESCHNITT