Vergiftet: Ein toter Gänsegeier. © Michael Kurz
Kuschelig: David Schuhwerk mit Jungvogel Dagmar.
Markantes Aussehen: Der Bartgeier ist an seinem rostroten Gefieder und dem Bart erkennbar. © Hansruedi Weyrich (2)
Berchtesgaden – Eleganter Segelflug, rote Augen, rostrotes Brustgefieder und ein schwarzes Bärtchen am Schnabel: Wenn David Schuhwerk vom Bartgeier spricht, kommt er ins Schwärmen. „Mit seiner Spannweite von 2,90 Metern ist er der größte Brutvogel der Alpen“, erklärt der 47-Jährige. „Und er ist ein wichtiger Bestandteil des Ökosystems.“ Wie alle Aasfresser sorgten Bartgeier dafür, dass Nährstoffe wieder in den natürlichen Kreislauf gelangen und Krankheitserreger beseitigt werden. Neun Exemplare leben derzeit im Nationalpark Berchtesgadener Land. Doch jetzt sind die streng geschützten Greifvögel in Gefahr. Und die kommt aus Österreich, nur ein paar Flügelschläge entfernt.
Sechs tote und ein stark geschwächter Gänsegeier wurden laut Naturschutzorganisation BirdLife in Kärnten und Osttirol entdeckt. „Da so viele Tiere auf relativ kleinem Raum betroffen waren und eine natürliche Ursache für so ein Massensterben sehr unplausibel schien, stand der Verdacht der Vergiftung im Raum und wir verständigten umgehend das Landeskriminalamt Kärnten“, sagt Johannes Hohenegger von BirdLife. Analysen hätten ergeben, dass die untersuchten Vögel an dem EU-weit verbotenen Pestizid Carbofuran starben. Die Polizei ermittelt. Seitdem ist der Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern (LBV) in Alarmbereitschaft, betont Mitarbeiter Schuhwerk, der für das bayerische Bartgeier-Projekt zuständig ist. „Es hätte unsere Bartgeier treffen können.“ Denn: „Viele unserer in Deutschland ausgewilderten Bartgeier erkunden seit Jahren die für sie nahegelegenen Gebirgsstöcke rund um Großklockner und Co.“ Geierdame Recka habe sich sogar in der Region Hohe Tauern verpaart. „Für deutsche Bartgeier ist es zum Ort der Vergiftungen nur ein Katzensprung, weshalb wir die gezielten Vergiftungen mit großer Sorge verfolgen.“ Ihr Bestand ist ohnehin fragil.
Vor über 100 Jahren wurden Bartgeier im Alpenraum ausgerottet. Der letzte in Deutschland wurde 1897 bei Ramsau getötet. Die Gründe waren vielfältig. Zum einen hatten Bartgeier einen schlechten Ruf. „Weil sie etwas gruselig aussehen.“ Und den Beinamen „Knochenbrecher“ tragen. Da sie größere Knochen zum Zertrümmern auf Felsen werfen und die Bruchstücke verspeisen. Horror-Geschichten kursierten. „Die Leute lebten in dem Irrglauben, dass sie Lämmer und Kinder stehlen.“ Später gingen Wilderer auf Trophäen-Jagd.
Seit 1986 findet ein internationales Wiederansiedlungsprojekt statt, bei dem der LBV beteiligt ist. Insgesamt wurden 246 Jungvögel in den Alpen freigelassen. Während das Projekt in der Schweiz und in Frankreich gut anschlug, geriet es in Österreich ins Straucheln, sagt Schuhwerk. „Ein hoher Anteil kam um.“ Durch Wilderei oder Bleivergiftungen, hervorgerufen durch verschluckte Munition. Seit 2021 werden die gefährdeten Vögel im Nationalpark Berchtesgadener Land ausgewildert. Neun von zehn entlassenen Tieren haben überlebt. Ende Juni sollen zwei weitere Jungvögel dazukommen. Bartgeier werden frühestens mit sechs geschlechtsreif. Bei einem Küken pro Jahr sei die Reproduktionsrate gering, was ihren Fortbestand erschwere. Jungvögel hätten ein weites Erkundungsbedürfnis. Dank GPS-Sendern können die Experten ihre Routen verfolgen.
Ob die mutmaßlichen Gift-Köder in Österreich tatsächlich Geier treffen sollten, ist laut Schuhwerk zwar unklar. „Vielleicht sollte es sich ja gegen Wölfe richten.“ In jedem Fall sei der Vorgang strafbar. Damit sich so etwas nicht wiederholt, gehen LBV und die österreichischen Kollegen jetzt gezielt an die Öffentlichkeit, hoffen auf Hinweise. Nur rund 500 Bartgeier leben im Alpenraum. Ihr Schutz ist für Schuhwerk eine ethische Pflicht: „Immerhin haben wir Menschen sie ausgerottet.“MARLENE KADACH