Die Hof-Retter von der Glentleiten

von Redaktion

50 Jahre Freilichtmuseum: Anwesen erzählt Schicksal zweier Frauen zu Weltkriegszeiten

Kreszentia und Johann Käs. © Archiv FLM Glentleiten

Das Kerschlacher Anwesen in den 1940ern. © Bezirk Oberbayern, Archiv FLM Glentleiten

Die letzte Besitzerin: Kreszentia Stumpp 1983 in Pähl.

Das Kleinanwesen aus Kerschlach wurde 1659 in Pähl erbaut. 1986 wurde der Hof in Großweil wieder aufgebaut.

Vogelperspektive: Das Freilichtmuseum Glentleiten umfasst heute 40 Hektar Areal. © Florian Trykowski/bayern.by

Drei Generationen bei der Heuarbeit: Kreszentia und Wendelin Stumpp mit den Kindern Johann und Wendelin und Altbäuerin Serafine Dischner (Mitte). © Freilichtmuseum Glentleiten (4)

Großweil – Der Blitz zuckt, der Kerschlacher Stadl steht in Flammen. Die Großweiler Feuerwehr im Kreis Garmisch-Partenkirchen kämpft um das 350 Jahre alte Haupthaus. Der Stadl brennt ab, aber sonst kommt an Mariä Himmelfahrt 2021 niemand zu Schaden. Der Hof „Beim Hirten“ ist unbewohnt und damals schon seit 35 Jahren Hausnummer 15 im Freilichtmuseum Glentleiten. „Das Unglück zeigt einmal mehr, wie sehr die Menschen und ihr Hab und Gut insbesondere früher den Naturgewalten ausgeliefert gewesen sind“, sagt Historikerin Melanie Bauer.

Um 1900 wäre damit alles Heu und Stroh für die Hühner, vier Kühe, den Ochsen und das Schwein vernichtet gewesen. Der Bauernfamilie Dischner bleibt das Feuer erspart, aber das Leben auf dem Kerschlacher Hof ist mühsam. Maschinen kommen auf den 6,4 Hektar nie zum Einsatz. Mähen, Säen, Ernten – alles Handarbeit. Und dann spielt das Schicksal den Bewohnern des Hirtenhauses noch übel mit. Bauer Georg Dischner fällt mit nur 25 im Ersten Weltkrieg in Frankreich. Seine Frau Serafine und ihre Tochter Kreszentia sind auf sich gestellt. Später wiederholt sich das Übel: Da fällt Kreszentias Mann Johann Käs im Zweiten Weltkrieg in Russland, als Baby Johann ein Jahr alt ist.

„Das Kerschlacher Anwesen wurde fast 35 Jahre lang nur von den Frauen bewirtschaftet“, erklärt Bauer. Die 48-Jährige ist seit 15 Jahren Teil des rund 60-köpfigen Teams des Freilichtmuseums, und gut damit vertraut, wie viel Arbeit es ist, ein historisches Bauernhaus in Schuss zu halten. Mal abgesehen von der strapaziösen Haus- und Feldarbeit früher. Das Freilichtmuseum Glentleiten des Bezirks Oberbayern feiert heuer 50. Geburtstag. Von einst 13 Gebäuden zählt das Areal oberhalb des Kochelsees heute 70 historische Häuser auf 40 Hektar. Jedes wurde an seinem ursprünglichen Standort ab- und hier wieder aufgebaut.

Der Kerschlacher Hof stand einst in Pähl im Kreis Weilheim-Schongau. Gebaut wurde er 1659, elf Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Krieges. Er gehörte zum Kloster Andechs und beherbergte Hirten. Sein Name „Beim Hirten“ ist seit 1760 belegt. Ein Schlafzimmer, eine Stube und Küche: Der eingeschossige Firsthof sollte nie wachsen. Georg Dischner senior baute 1914 den Heustadel, den der Blitz 2021 zerstörte. Das Glentleiten-Team hat ihn 2024 rekonstruiert, um das Anwesen als Ensemble zu erhalten. „Wegen der beengten Verhältnisse musste die Austragskammer nachträglich von der Stube abgeteilt werden“, berichtet Bauer. Bis zu seinem Tod 1945 schlief hier der Altbauer, später Schwiegertochter Serafine. „Nur eine dünne Bretterwand trennte die Kammer von der Stube: Kaum Privatsphäre, aber Wärme vom Ofen.“ Kreszentia, ihr zweiter Mann Wendelin Stumpp sowie die Kinder Johann und Wendelin junior wohnten hier bis 1962.

25 Jahre später wird das Hirtenhaus Teil der Glentleiten. 1983 läuft die Dokumentation: Da hält das Team die Hof-Architektur und das Wissen der Ex-Bewohner in Pähl fest. „Zudem forschen wir in Archiven: Kataster, Grundbucheinträge und Sterbematrikel sind wichtige Quellen. Dendrochronologische Untersuchungen am Holz können Aufschluss über das Alter des Gebäudes geben“, sagt Bauer. „Anfangs war der Rettungsgedanke Hauptinteresse, heute sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Bewohner ein weiterer Schwerpunkt.“ Den jährlich 120.000 Besuchern werden Brauchtums-, Heimat-, Sozial- und Agrargeschichte präsentiert.

Dem Glentleiten-Team werden heute mehr Häuser angeboten, als es übernehmen kann. „Eine Tankstelle aus den 50ern haben wir, wir hätten aber beispielsweise auch Interesse an einer Landdisco oder einem Kiosk aus der Nachkriegszeit“, sagt Bauer. Für einen symbolischen Betrag, früher den „Brennholzwert“, trägt das Team das Haus ab. In Großweil lebt es weiter. Als der Blitz in den Stadl saust, schlägt für den Kerschlacher Hof nach 35 Jahren eine neue Stunde: „Zur Museumsarbeit gehört, Ausstellungen zeitgemäß zu halten: Das Hirtenhaus wurde unter dem Titel ‚Frauenwirtschaft‘ sowie der Ergänzung einer Kinderebene und englischer Texte umgestaltet.“ Das hätten sich Serafine Dischner und Kreszentia Stumpp wohl nie träumen lassen.CORNELIA SCHRAMM

Am Festwochenende

am 20. und 21. Juni wartet im Freilichtmuseum ein buntes Programm mit Panorama-Kran, Spezial-Führungen, Karussells, einem Zauberer und Schnitz-Workshops. Es gilt der Eintrittspreis von 1976! Erwachsene 3 Euro, Kinder (ab 6 J.) 1,50 Euro. Infos: www.glentleiten.de

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