Die Erfüller der letzten Wünsche

von Redaktion

Dankbar für ihr Ehrenamt: Inge Weis (rechts) mit Projektleiterin Jennifer Zeller (links) und Projektpatin Janina Hartwig.

Noch mal in die Berge: Auch auf die Zugspitze bringt der Wünschewagen die Todkranken.

München – Inge Weis steht am Ufer des Bodensees und hat Gänsehaut. Bis gerade eben dachte sie noch, es würde ein sehr stiller Moment werden, den sie und ihre Kollegen heute verschenken. Der Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes ist für eine Eilfahrt angefordert worden. Eine todkranke Frau wollte noch mal zu ihrem Lieblingsort am See. Die Ehrenamtlichen haben sie abgeholt, sind mit ihr zu dem versteckten Platz am Ufer gefahren – so wie die Frau es sich gewünscht hatte. Es ist windstill und ganz ruhig, als sie auf der Trage ins Freie geschoben wird. Doch dann tauchen immer mehr Menschen auf. Inge Weis wusste, dass die Kinder der Frau sie an den See begleiten wollen. Doch plötzlich steht eine ganze Menschentraube am Ufer. „Wundert euch nicht, meine Mama hat 40 Jahre im Kirchenchor gesungen“, flüstert der Sohn ihr zu. Sogar der Pfarrer und der Mesner sind gekommen, sie haben Sekt dabei – um noch einmal mit der Frau anzustoßen. Dann darf sie sich Lieder wünschen. Und der Chor singt nur für sie. Inge Weis und ihre Kollegen stehen daneben und beobachten den wunderschönen Moment. „Es war einfach ergreifend“, sagt sie später. Es war einer dieser Momente, in denen sie so dankbar war, dass es den Wünschewagen gibt.

Der Arbeiter-Samariter-Bund München und Oberbayern erfüllt seit zehn Jahren letzte Wünsche. Heute gibt es in vielen Regionen Wünschewagen, 2016 war er in Bayern der erste seiner Art. Inge Weis war von Anfang an dabei. Sie hat früher in der Pflege gearbeitet, wollte sich nebenbei ehrenamtlich engagieren. Inzwischen hat sie rund 70 Fahrten begleitet. Vor jeder einzelnen war sie aufgeregt, erzählt die 66-Jährige aus Fürstenfeldbruck. „Wir wissen nie, was uns erwartet.“ Nur eines ist immer gleich: Es geht um letzte Wünsche, für die nicht mehr viel Zeit bleibt. Denn die Fahrgäste des Wünschewagens sind todkrank.

Die kürzeste Fahrt des Wünschewagens ging nur 300 Meter weit. Ein Fahrgast wollte ein letztes Mal einen Gottesdienst besuchen. Einmal führte eine Fahrt bis zur Nordseeinsel Texel. Auch nach Österreich, Italien oder Schweiz hat der ASB schon Menschen gebracht. Es gab kaum einen Wunsch, den die Ehrenamtlichen bisher nicht erfüllen konnten. „Meistens sind es ganz kleine Dinge“, sagt Inge Weis. Noch einmal die Berge sehen, zum Beispiel. Bis auf die Zugspitze hat sie Menschen schon begleitet. Viele wünschen sich, in ihrer Heimat sterben zu dürfen. Inge Weis hat einen Mann einmal bis Rügen gefahren. „Als wir über eine Brücke fuhren, bat er uns zu hupen“, erinnert sie sich. Als Signal, dass ein Rügener heimkehrt. Dem Mann liefen Tränen über das Gesicht. Es waren Freudentränen.

Jede Fahrt ist einmalig. Einige Menschen haben eine Begleitperson dabei, andere haben keine Angehörigen und sind umso dankbarer um das Team des ASB. Inge Weis hat oft eine Gänsehaut, wenn sie mit dem Wünschewagen unterwegs ist. Geweint wird aber nicht, sagt sie. Höchstens danach zu Hause. Viele Schicksale sind traurig. Aber die Momente, die sie mit den Todkranken erlebt, sind es nicht.

Etwa jeder vierte Fahrgast ist ein Kind. Einigen Ehrenamtlichen setzen diese Fahrten sehr zu, Inge Weis übernimmt sie oft. „Wir können von Kindern soviel lernen“, sagt sie. Da war zum Beispiel der Fünfjährige, der ihr in der Palliativstation mit einem Infusionsständer und einem riesigen Lächeln entgegenkam. „Fahr ich mit dir?“, fragte er. Er hatte sich gewünscht, noch einmal ein Pferd zu streicheln. „Es war eine lustige Fahrt, wir haben die ganze Zeit Kinderlieder gesungen.“ Und dann sagte der Junge: „Weißt du, ich bin bald ein Engel und dann werde ich auf einer Wolke sitzen und auf Mama, Papa und meinen Bruder aufpassen.“

In ihrem Berufsleben hat Inge Weis viele Wünsche gehört – die wenigsten konnte sie als Pflegekraft erfüllen. Vielleicht ist sie deshalb so dankbar für ihr Ehrenamt. Sie würde sich wünschen, dass sich viele Menschen früher melden. Denn obwohl der Wünschewagen oft noch am selben Tag ausrückt, kommt er manchmal zu spät. Auch für die Angehörigen sei dieses Angebot sehr wichtig, betont sie. „Es hilft vielen bei der Trauerbewältigung, wenn sie ihren Lieben noch einen letzten Wunsch erfüllen konnten.“ Inge Weis hat es schon oft erlebt, dass Menschen leichter loslassen konnten, wenn ein Herzenswunsch in Erfüllung gegangen ist. „Wir haben einmal eine junge Frau aus einem Hospiz abgeholt und in ihre Wohnung gefahren.“ Die Frau hatte sich gewünscht, noch mal ihre Tomaten zu sehen und ihren Hund streicheln zu dürfen. Weil es keinen Aufzug gab und die Frau schon zu schwach war, mussten Weis und ihre Kollegen sie im Bergetuch die Treppe rauftragen. Danach konnten sie ihr ansehen, wie glücklich sie war. Und dass sie loslassen konnte. „Kurz darauf erfuhren wir, dass sie ein paar Stunden später gestorben ist.“

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