Die Holzhackerbuam bei ihrer Aufführung auf der Bühne in Rottach. © Privat
Ein Tanzpaar auf dem Gartenfest am 31. Juli 1927. © Leonhardstoana
Mit Schwung: Der Nachwuchs tanzt beim Hirschbergler-Waldfest in Rottach-Egern. © Christian Scholle
Ohrwaschl einziehen, gleich kracht‘s! Die Goaßlschnalzer bei einem der berühmten Waldfeste des Skiclubs Rottach. © STEFAN SCHWEIHOFER
Im Tegernseer Tal im Kreis Miesbach findet jetzt wieder jedes Wochenende eines der berühmt-berüchtigten Waldfeste statt. Das hat Tradition, schon die Ur- und Ururgroßeltern der Veranstalter tanzten hier. In unserem großen Waldfest-ABC blicken wir mit einem Augenzwinkern auf die Feste und ihre Besucher – damals und heute.
A wie Arschplattler: Die Waldfeste gehören zum Tegernsee wie der Wallberg! Und sie sind die große Bühne der Trachtenvereine. Die Wallberger präsentieren sogar „Arschplattler“-Akrobatik: Ein Plattler nimmt den anderen kopfüber auf den Schoß – und klopft auf seinen Hintern.
B wie Bier: Die Masskrüge füllt hier das Herzoglich Bayerische Brauhaus Tegernsee. Dieses Wochenende lädt der FC Real Kreuth zum Saison-Auftakt. Die Mass Bier kostet dort genau wie das halbe Hendl neun Euro.
C wie Charme: Ein Waldfest ist der beste Mix aus Biergarten und Volksfest!
D wie Dresscode: Die Maschinen der Dirndlschneiderinnen laufen heiß. Miesbacher Mannsbuidl tragen die grün bestickte Hirschlederne mit Gilet. Die Damen greifen zum Dreiteiler aus Spenzer, Rock und Schürze. „Ton in Ton“ und Puffärmel sind nach wie vor angesagt. Ein Waldfest ist auch Laufsteg.
E wie eng: Bis zu 5000 Besucher zählt ein Waldfest. Früher mussten sich Trachtler und Sportler als Veranstalter nicht um Security, Lebensmittelsicherheit und Brandschutz kümmern. Heute schon. Ausweise werden kontrolliert und passende Bänder verteilt.
F wie Fans: Busse voller Waldfest-Narrischer rollen jedes Jahr an, teils nach stundenlangen Fahrten. Diese Festl haben eine Riesen-Fangemeinde. Für Einheimische sind sie Familien- und Vereinsfeier in einem. Wen es ins Ausland verschlagen hat, fliegt extra für sein Herzensfestl heim. Sonst geht‘s am Tegernsee ja kosmopolitisch zu: Touristen aus aller Welt, Ausflügler und halb München stoßen mit Einheimischen an.
G wie Gartenfest: Die Waldfest-Vorläufer sind eher unbekannt. Im Sommer 1873 hat die Tegernseer „Gesellschaft Frohsinn“ zum Gartenfest in Abwinkl geladen. Diese längst vergessene Gesellschaft bestand aus honorigen Bürgern, die sich sozial engagierten. Die Bürgerschaft, reichere Handwerksmeister und Geschäftsleute, aber auch einfache Leute wurden zu Speis, Trank und Blechmusik geladen. Ab 1900 sprießen Festl und Heimatabende wie Schwammerl aus dem Boden. 1908 laden die Hirschbergler Trachtler zum Gartenfest, 1925 der Skiclub Rottach-Egern.
H wie Holzhacker: Der Marsch „Tiroler Holzhacker Buab’n“ war laut Chronik der Wallberger am 8. August 1954 erstmals Grundlage einer Vorführung. Zehn Minuten und 40 Sekunden dauert dieses Mini-Theaterstück heute: Mit Beilen, Sägen und Schleifstein betreten die als Holzknechte verkleideten Trachtler die Bühne und hacken im Takt. Dann geht‘s um Wilderei, Schüsse fallen. Urig!
I wie Innovation: So traditionsreich die Gaudi ist, von gestern ist keiner! Kartenzahlung war lange ein Tabu. Die ersten Waldfest-Macher kommen aber im digitalen Zeitalter an: Beim SC Kreuth kann man seit drei Jahren bargeldlos zahlen, seit vorigem Jahr bei den Tegernseer Vereinen. Der TSV Bad Wiessee zieht heuer nach!
J wie Jägermeister: An der Bar gibt‘s Schnaps und Drinks!
K wie Klassentreffen: Hier trifft man einfach alle wieder – ob man will oder nicht.
L wie Lausbubengeschichten: Wenn Waldfest ist, müssen selbst die Allerkleinsten nicht ins Bett. Im Gegenteil, ihre Hilfe wird gebraucht! Für den Vereinsnachwuchs ist es das größte Abenteuer, leere Krüge im Schubkarren zu kutschieren.
M wie Münchner Schickeria: Ja, auch die Bussi-Bussi-Gesellschaft liebt die Waldfeste.
N wie Nomaden: Es soll Leute geben, die sich extra einen VW-Bus zulegen, um immer „heim“ zu kommen. Oder kleine Päuschen einzulegen…
O wie Obandln: Auf der Bierbank flirtet es sich besonders gut. Nach zwei, drei Mass fällt die Frage „Mogst du mit mia no an‘d Bar schaun?“ nicht mehr so schwer. Eine offizielle Statistik, wie viele Ehen und Kinder aus Waldfesten hervorgegangen sind, gibt es freilich nicht. Aber aufm Dorf war‘s doch schon immer so: Beim Maibaumaufstellen, Kirta- oder Gartenfest gab’s Gelegenheit, auch Leute aus den Nachbarorten kennenzulernen.
P wie Party: Wo’s keine Clubs gibt, wird die Nacht unter freiem Himmel zum Tag gemacht.
Q wie Querelen: Wo Bier fließt, wird mal g’rafft. Das war und ist so.15 Mann sind heuer etwa beim FC Real Kreuth für Sicherheit zuständig.
R wie Regen: Hier ist keiner aus Zucker. Bei Sommergewittern wird unter Vordächern und an der Bar weitergefeiert.
S wie Schmetterlingsgarten: Der Name geht auf ein Beet in Schmetterlingsform zurück, welches Carl Theodor Herzog in Bayern (1839–1909) vor dem Schloss Tegernsee anlegen ließ. Wer aufs Tegernseer Waldfest geht, sitzt umringt von Schmetterlingssträuchern (Buddleja davidii).
T wie Tanz: Die Madln drehn, die Burschen platteln. Dazwischen dürfen alle Waldfestgänger ein Tänzchen wagen.
U wie Uber: Der Kampf um Taxi, Uber & Co. ist keine moderne Erscheinung! Schon früher nahmen Waldfestgänger weite Anfahrten in Kauf. Als die Loanharstoana 1925 zum vierten Gartenfest luden, kamen 60 Trachtler mit dem Laster aus dem 23 Kilometer entfernten Hausham nach Kreuth. Heuer fährt ein Shuttlebus.
V wie Vorfahren: Kurgäste zu begrüßen, hat im Tal lange Tradition. Die Wittelsbacher kamen zur Sommerfrische, um 1900 florierte der Fremdenverkehr. Dass Städter ihre Bräuche lieben, hatten die Vorfahren der Festl-Macher von heute schnell „dagneißt“. Die Kasse lässt das bis heute klingeln.
W wie Wald: Eh klar!
X wie x-Jahre: Wann einst das erste Festl dieser Art stattgefunden hat, ist nicht belegt. Hört man sich heute um, wann sie mal beerdigt werden, ist die Antwort einstimmig: Nie!
Y wie Yippie, Waldfest!
Z wie Zusammenhalt: Respekt an alle Ehrenamtlichen, die jedes Jahr wieder aufs Waldfest laden und vorab, währenddessen und hinterher unzählige Arbeitsstunden investieren.CORNELIA SCHRAMM