Mit dem KI-Stift werden Aufgaben eingescannt, Lösungen kommen aufs Display.
Smartglasses können Fotos aufnehmen, Lösungen werden übers Mikro eingeflüstert.
Abschreiben war gestern: Schülerinnen bei einer Prüfung. Sie werden mit Trennscheiben abgeschottet, doch KI-Nutzung verhindert das nicht. © PA, Imago, TikTok/Scannix
München – Spicken bei der Schulaufgabe: Das ging früher mit kleinen Zetteln, die man unauffällig aus der Hosentasche zog. Oder man schrieb sich was auf die Hand. Mittlerweile gibt es ganz andere Möglichkeiten: Mithilfe der KI schummeln Schüler wie Hightech-Profis – mit Smartphones, Smartwatches oder KI-Scan-Stiften zum Beispiel. Lehrer schlagen Alarm. Der Kontrollaufwand sei enorm, warnt Simone Fleischmann vom BLLV in einem Brief an das Kultusministerium. Die Kontrollen reichten „von der Verpflichtung, alle Taschen von Hosen und Kapuzenpullovern zu leeren, über das Verbot, eigene Schreibutensilien zu benutzen“ bis hin zur „Kontrolle der Gehörgänge“, weil dort winzige Kopfhörer, sogenannte Spy-Earbuds, verborgen sein könnten. Das berühre die Intimsphäre der Schüler und sei für die Lehrer unzumutbar, sagt Fleischmann. Außerdem: Ehrliche Schüler, so die BLLV-Präsidentin, seien dann „die Dummen“.
Für das Kultusministerium ist das Schummel-Thema nicht neu. Bereits im März warnte Ministerin Anna Stolz (FW): „Durch Miniaturisierung und geschickte Vorbereitung ergeben sich neue Szenarien, die herkömmliche Aufsichtskonzepte herausfordern.“ Im Einzelnen nannte die Behörde unter anderem folgende KI-Schummeleien:
Mit Smartphones können Schülerinnen und Schüler Aufgaben abfotografieren, in einer KI-Anwendung hochladen und dann abschreiben. Zwar werden Handys bei Prüfungen eingezogen. „Viele Schüler haben jedoch ein Zweit-Handy“, sagt Stefan Düll, Schuldirektor in Neusäß bei Augsburg und Chef des Deutschen Lehrerverbands.
Mit Smartwatches können die Aufgaben leise vorgelesen werden, die von der KI vorgeschlagene Antwort erscheint dann auf dem Display. Als Konsequenz werden an vielen Schulen mittlerweile die Uhren bei Prüfungen eingezogen.
Über Mini-Kopfhörer (Spy-Earbuds), die nur wenige Millimeter groß, zudem in Hautfarbe gestaltet und damit fast unsichtbar sind, können KI-generierte Antworten vorgelesen werden.
Smartglasses sind Computer in Form einer Brille, die kaum von normalen Sehhilfen unterscheidbar sind. „Sie sind oft mit Kameras, Mikrofonen und Lautsprechern ausgestattet, um Fotos aufzunehmen, zu telefonieren oder KI-Assistenten per Sprachbefehl zu steuern“, informiert das Ministerium. Die Brillen sind Schulleiter Düll noch nicht untergekommen. Er mahnt aber: „Da muss sich das Ministerium etwas überlegen“ – schließlich könne man den Schülern während einer Prüfung nicht einfach alle Brillen abnehmen.
Mit KI-Scan-Stiften können gedruckte Texte gescannt und mithilfe der KI weiterverarbeitet werden. Praxis an vielen Schulen ist es mittlerweile, vor einer Prüfung alle Schreibgeräte zu kontrollieren.
Es gibt noch weitere Methoden: KI-Pins, die wie Anstecker (neudeutsch: Wearables) ausschauen, in Wahrheit aber kleine Kameras sind. Taschenrechner mit Internetfunktion und Kamera. Und neuerdings sogar KI-Ringe. In einer Umfrage vom Herbst 2025 des Bayerischen Philologenverbands gaben 85 Prozent der befragten 150 Lehrer an, schon Fälle von technischem Unterschleif gehabt zu haben. Zweithandys standen mit 63 Prozent an erster Stelle, 41 Prozent hatten Smartwatches am Handgelenk eines Prüflings entdeckt.
Schulleiter Düll warnt aber davor, alle Schüler als Schummler abzuqualifizieren. „Die meisten Schüler sind doch zu bequem, scheuen den technischen Aufwand.“ Das Risiko, erwischt zu werden, sei sehr hoch. Außerdem: „Man weiß es doch aus der eigenen Schulzeit: Es gab Lehrer, bei denen hat man sich Spicken getraut, und es gab Lehrer, wo man es lieber nicht gemacht hat.“ Seinen Lehrern rät er: „Aufsicht, Aufsicht, Aufsicht – gehen Sie durch die Stuhlreihen.“ Nur bequem vom Pult aus die Prüfung zu überwachen sei heutzutage zu wenig.
BLLV-Präsidentin Fleischmann regt im Brief an Ministerin Stolz an, diese solle als amtierende Präsidentin der Bildungsministerkonferenz eine deutschlandweite Initiative starten, um „gangbare Lösungen“ für Kontrollen zu finden. Lehrer müssten beim Abi 2027 gewappnet sein.DIRK WALTER