Christian Bestle aus Berchtesgaden. © KP
Um zu verstehen, warum ein Mann heute bis zu 80 Kilogramm schwere Gongs aus China und Italien nach Bayern bringt, ist der Blick zurück notwendig. Christian Bestles Wurzeln liegen in Dachau. Vier Jahre lang lernte er Posaune, bis er mit zehn Jahren beschloss, nie wieder zum Unterricht zu gehen. Denn sein Lehrer verteilte Watschn. Das erstickte jede Freude am Spiel. Bis ein Aufenthalt in Australien alles veränderte.
In Sydney geschah das, was Bestle heute als seinen „Gänsehautmoment“ beschreibt. Der urwüchsige Klang des Didgeridoos zog ihn wie ein Magnet an. Er lernte die Zirkularatmung, bei der man durch die Nase einatmet, während man mit der im Mund gespeicherten Luft den Ton hält. Von dem Moment an war der Klang zurück in seinem Leben. Er kaufte sich sein erstes Didgeridoo, heute hat er 25.
Christian Bestle versuchte erst den klassischen Weg: Abitur, Studium der Geografie und Erziehungswissenschaften. Doch dann zog er die Reißleine: Als Musiker zog er fortan umher und experimentierte mit einer „völlig verrückten“ Kombination: seinem Didgeridoo und dem Piano eines Mitstreiters. Als „Die Doppelgänger“ produzierten sie CDs, finanziert durch Straßenmusik und Unterricht. „Immer am Existenzminimum“, erinnert er sich heute ohne Reue.
Sein Großvater war Dorfschmied in der Nähe von Dachau. Ein Erbe, das heute in Bestles Verständnis für die Gong-Herstellung nachhallt. Alles beginnt mit einer glühenden Masse aus Bronze, die in Form gegossen und unter extremer Hitze unzählige Male gehämmert wird. Während die chinesischen Gongs in seinem Laden oft aus traditioneller Schmiedebronze gefertigt sind, bringt Bestle aus Italien technologische Innovationen mit: Edelstahl-Legierungen, in die Titan eingearbeitet wird. Bestle hält enge Kontakte zu den Herstellern in Italien und China. Er reist regelmäßig nach Wuhan, dem Schmiedezentrum in China, um in einem Familienbetrieb Einzelstücke auszusuchen.
Über seiner Couch hängt ein 1,50 Meter großer Gong. Die Kinder seiner Freundin bedienen ihn immer mal wieder. Doch er liebt nicht nur die tiefen Schwingungen, sondern auch Jazz oder Bruce Springsteen. Darin findet er, was er lange gesucht hat: einen Resonanzraum für die eigenen Gefühle.KILIAN PFEIFFER