Linus, der Wanzen-Schnüffler

von Redaktion

Vom Spürhund bis zur Mikrowelle: Wie Berghütten gegen kleine Krabbler kämpfen

Auf 1670 Metern: das Schneibsteinhaus am Jenner.

Hundeführerin Laura Pannasch zeigt ein Röhrchen mit Bettwanzen.

Spürhund Linus schnüffelt im Beisein seiner Hundeführerin Laura Pannasch in einem Schlafraum des Schneibsteinhauses nach Bettwanzen. © Hildenbrand/dpa (3)

Schönau am Königssee – Linus schnüffelt: in Ecken, an Holzleisten, am Bett. Haben sich in der Berghütte ungebetene Gäste versteckt? Nicht Wanderern, sondern Bettwanzen ist Linus auf der Spur. Der Mischling ist ausgebildeter Wanzenspürhund. Im 1670 Meter hoch gelegenen Schneibsteinhaus des Deutschen Alpenvereins (DAV) im Nationalpark Berchtesgaden ist er zur jährlichen Wanzenprophylaxe unterwegs. Hunde können die Blutsauger in ihren Verstecken in Ritzen und hinter Holzverschlägen aufspüren – wo der Hüttenwirt selbst bei akribischer Suche mit Stirnlampe nicht hinsieht.

Dieses Mal hat Linus nichts Verdächtiges gefunden. Damit er trotzdem ein Erfolgserlebnis hat und ein Leckerli bekommen kann, hat Wanzenspürhundeführerin Laura Pannasch Röhrchen mit echten Wanzen sowie Papierschnipsel mit „Wanzenparfüm“ versteckt, hergestellt aus toten Wanzen in Alkohol.

Bettwanzen beschäftigen den Alpenverein seit Jahren. Die Tiere reisen mit Wanderern, versteckt in Rucksäcken, Hüttenschlafsäcken oder Kleidung. Wo viele Menschen in wechselnden Betten schlafen, finden die Tiere ideale Bedingungen: auf Berghütten, in Hotels – oder im Kinosessel. Belastbare Zahlen fehlen. Wer betroffen ist, hält sich oft bedeckt.

„Such Wolli“, ruft Laura Pannasch, während Linus durchs Matratzenlager schnüffelt. „Wolli“ ist das Codewort für Wanze, auf das Linus trainiert ist. Pannasch hat auch Kunden im Tal – und da muss sie mit Linus oft den Hintereingang nehmen. Damit Gäste nicht merken: Hier wird nach Wanzen gesucht. Der DAV steht mit seinem offenen Herangehen relativ alleine da. Jedes Jahr seien etwa 15 bis 20 der rund 325 DAV-Hütten betroffen, berichtet der Verband. Tendenz steigend. Ein Grund dürfte der Trend zu Bergsport sein.

Im Schneibsteinhaus hängen überall Hinweise auf das Wanzenproblem, verbunden mit der Bitte, den Rucksack – als Wanzentaxi – nicht ins Zimmer zu nehmen und den von der Hütte gestellten Schlafsack zu nutzen. Nur wenn die Gäste das Problem kennen und mithelfen, könne es bekämpft werden, sagt Hüttenwirt Stefan Lienbacher.

Sind Wanzen im Haus, wird‘s teuer. An die 20.000 Euro koste der Kammerjäger, erklärt Gabi Schieder-Moderegger, Vorsitzende der DAV-Sektion Berchtesgaden, zu der das Schneibsteinhaus gehört. Der Hunde-Einsatz kostet „nur“ etwa 500 bis 2000 Euro je nach Größe der Hütte. Vor drei Jahren hatte das Schneibsteinhaus einen Befall. Ein Gast meldete Bisse. Ehe die ganze Hütte befallen war, konnte Lienbacher den Kammerjäger holen, der befallene Matratzen unter einer Art Zelt auf 60 Grad erhitzte.

Eine gute Nachricht: Die braunen, wenige Millimeter großen Tiere ernähren sich zwar von menschlichem Blut. Die Bisse können stark jucken, sind aber nicht gefährlich. „Bettwanzen übertragen keine Krankheiten. Es ist einfach lästig“, sagt Hüttenwirt Lienbacher. Ein Befall habe nichts mit Hygiene zu tun. „Es gibt kein Hausmittel dagegen, da braucht es Profis, die wissen, was sie tun.“

Um einen Befall schneller zu bemerken, hat das Schneibsteinhaus wie manche anderen Hütten farblich umgestellt: Hellblaue Decken statt braune, helle Bettlaken statt dunkle. „Da kann man Spuren – Blutspuren, Kotspuren, Häutungshüllen – schneller erkennen“, sagt Lienbacher.

Claudia Essendorfer, Wirtin der Schönfeldhütte im Mangfallgebirge, setzt auf weiße Malerfarbe am Bettgestell, um Kotspuren zu sehen. „Schwarze Punkte, das sieht aus wie ein Fliegenkot. Deshalb haben wir uns damals gar nicht so viel dabei gedacht. Inzwischen sind wir sehr sensibilisiert“, sagt sie über den einzigen Befall. „Wir putzen die Zimmer mit Stirnlampen“ – um die Tiere in dunklen Ecken zu finden.

Jede Hütte ist anders und hat ihr eigenes Konzept. Manche Hüttenwirte setzten auf Zip-Beutel, in denen die Rucksäcke verpackt werden. Am Rotwandhaus etwa heißt es: persönliche Sachen nur in Plastikkisten ins Zimmer, Hüttenschlafsack beim Check-in in die Mikrowelle. 30 Sekunden bei 600 Watt – und das war‘s mit der Wanze.SABINE DOBEL

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