Sie bringen der KI Bairisch bei

von Redaktion

Heimatpfleger erfassen Dialekte – Start in Mittenwald und Mühldorf

Einzigartig ist in Mittenwald mindestens der Dialekt, aber auch die Kultur. Hier der Sohn von Matthias Wurmer (Mitte) beim Goaßabtrieb. © Hubert Hornsteiner

Mittenwald – Matthias Wurmer ist der achte Matthias Wurmer in einer Linie und ein Mittenwalder Urgestein. Er ist 51 Jahre alt, Friedhofswärter, in seiner Freizeit inszeniert er Theaterstücke, mischt beim Bozener Markt mit und, und, und. Er kennt jeden Fitzel seiner Heimat und wenn der Schmitzer Hias, so nennen sie ihn im Dorf, mit einem anderen Mittenwalder ratscht, dann klingt das nach Geheimsprache. „Ihr miasst‘s doch gfruitert sei!“ – „Ihr seid doch verwandt!“ Oder: „Da artelt d‘Art“, wenn sich das Musikspiel der Enkelin so anhört wie das des Opas. Aus „uns“ macht er „ins“, manche Laute klingen nach Schweiz oder vielleicht auch Oberpfalz.

Mittenwalderisch ist Bairisch, aber mit Salon-Dialekt aus Funk und Fernsehen hat es gar nichts zu tun. Es ist einzigartig, so besonders, dass man es schon fünf Kilometer weiter manchmal kaum mehr versteht. Genau da setzt ein neues Projekt an, das der Landesverein für Heimatpflege jetzt gestartet hat. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) wollen Sprachpfleger in Bayern den Dialekt stärken und erhalten. Dafür muss die KI die Varianten des Dialekts beherrschen – und folglich erst einmal erlernen. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt. Los geht‘s in zwei Dialekt-Biotopen: in Mühldorf am Inn und in Mittenwald, Kreis Garmisch-Partenkirchen.

Rudolf Neumaier, Geschäftsführer beim Landesverein für Heimatpflege, sagt: „Die KI muss verstehen, dass es nicht nur ein Bairisch gibt, sondern eine Vielfalt an lokalen und regionalen Bairisch-Varianten.“ Bisher kenne die KI bestenfalls ein Kauderwelsch aus bairischen Mundarten. „Sie differenziert überhaupt nicht.“ Nun hat der Landesverein einen Sprachwissenschaftler als KI-Dialekttrainer angestellt, der von Fachleuten der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) unterstützt wird. Ab Juli führt der Sprachwissenschaftler Interviews mit Einheimischen und sammelt Sprachaufnahmen. Geplant sind Gespräche mit 15 bis 20 ausgewählten Dialektsprechern, aufgezeichnet mit einem Profi-Aufnahmegerät.

Das seien die allerersten Schritte, um die KI gezielt zu trainieren, sagt Neumaier. Ziel sei, nach und nach andere Regionen und Bairisch-Varianten hinzuzufügen. „So schaffen wir eine Basis dafür, dass Dialekte in ihrer Vielfalt erhalten bleiben. Diese dialektale Vielfalt ist schließlich eines der wichtigsten Grundelemente bayerischer Kultur.“ Der Mittenwalder Matthias Wurmer stimmt zu: „Dialekt ist ein Stück Heimat. Wenn er ausstirbt, stirbt die Heimat.“

Auch aus Sicht der an dem Projekt beteiligten LMU-Professoren eröffnet die KI der Dialektforschung völlig neue Möglichkeiten. „Mithilfe von KI können wir die Vielfalt der Dialekte systematisch erschließen und für unterschiedliche Anwendungskontexte nutzbar machen – etwa für die automatische Erkennung, Verarbeitung und Übersetzung regionaler Sprachformen“, teilen Barbara Plank vom Lehrstuhl für Künstliche Intelligenz und Computerlinguistik und Lars Bülow (Lehrstuhl für Germanistische Linguistik) mit. Wenn KI künftig Dialekte besser erkennen, unterscheiden und verarbeiten könne, stärke das die Sichtbarkeit und Wertschätzung regionaler Sprachformen. Für digitale Technologien seien Dialekte dann kein Hindernis mehr, sondern ein sprachlicher Schatz, der mit ihrer Hilfe auch im digitalen Zeitalter bewahrt werden könne.

Als Initiator des Projektes sieht sich der Bund Bairische Sprache. Der Vorsitzende Niklas Hilber freut sich und sagt: „Wir sehen in der modernen Technik große Möglichkeiten der Förderung und Revitalisierung regionaltypischer Sprache.“CAZ/DPA

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