Farbenfroh: ein Himmelblauer Bläuling.
Nächtlicher Einsatz vor dem Fangtuch: Thomas Greifenstein auf Expedition in Ecuador.
Unterwegs auf Bayerns Wiesen: Die Falter, Spinner und Spanner, die ins Netz fliegen, lässt Thomas Greifenstein wieder frei. © Schmidhuber/Privat/Imago
Pfaffenhofen – Seit Thomas Greifenstein zehn ist, gibt es für ihn nichts Spannenderes als Schmetterlinge. Als Autodidakt hat sich der 63-jährige Pfaffenhofener sogar einen Namen bei internationalen Entomologen erarbeitet. Gerade betreut der frühere Produktentwickler ein Projekt zu nachhaltigem Artenschutz für den Babynahrungshersteller Hipp.
Herr Greifenstein, was finden Sie an Spannern so spannend?
Es gibt nicht nur Abertausende von Schmetterlingsarten, die faszinierend sind. Auch die Art und Weise, wie aus einer Raupe ein Schmetterling entsteht, hat mich schon als Bub begeistert. Die Spanner heißen so, weil ihnen die mittleren Bauchbeine fehlen und sie sich deshalb zur Fortbewegung immer wieder zusammenziehen und strecken bzw. spannen. Als Zehnjähriger habe ich angefangen, diese Raupen zu sammeln und sie zu Hause zur Verpuppung zu bringen.
Können Sie sich noch an Ihren ersten Fund erinnern?
Das war eine grün gestreifte Raupe, aus der später ein Ligusterschwärmer geschlüpft ist.
Haben Sie einen Überblick, wie viele Raupen und Schmetterlinge Sie seitdem gesammelt haben?
Tausende, Hunderttausende? Ich weiß es nicht. Mir ging es nie ums Sammeln an sich, eher ums Entdecken. Das war schon ganz am Anfang so. Wir waren fünf, sechs Buben, unser Spielplatz war die Natur und wir hatten Wettbewerbe, wer die schönste Raupe hat und wer die meisten Tiere findet. Die anderen haben das Interesse irgendwann verloren, bei mir wurde es immer größer.
Wie schaut die Arbeit eines Entomologen aus? Wandern Sie mit einem Schmetterlingsnetz durch die Wiese?
So ähnlich. Alles, was uns normalerweise ins Schmetterlingsnetz fliegt, lassen wir auch wieder frei. Für die Forschung arbeiten wir mit verschiedenen Fallen. Auf unserer Versuchswiese bei Pfaffenhofen haben wir vier Malaise-Fallen. Da fliegen die Falter und andere Insekten in ein schwarzes Netz und gelangen, vom Licht angezogen, nach oben zu einer Öffnung, wo sie in einem Fangbehälter landen, der mit reinem Alkohol gefüllt ist.
Steht das im Verhältnis, die Anzahl der Insekten, die sterben, und die Erkenntnisse für die Forschung?
Wenn Sie einen Kilometer mit dem Pkw auf der Autobahn fahren, sterben mehr Insekten als bei uns an einem Tag in allen Fallen. Und: Eine einzige Spitzmaus auf dieser Wiese frisst in einem Jahr so viele Insekten, wie wir von April bis Oktober in allen Fallen fangen.
Was passiert mit den ganzen Insekten?
Wir zerkleinern das Untersuchungsmaterial und die Masse wird dann analysiert. Die gefundenen DNA-Stränge zeigen, welche Arten wir auf einer Wiese haben, welche wir kennen und welche nicht.
Gibt es da häufig Überraschungen?
Oh ja, wir haben auf unserer Versuchswiese schon neue Gallmücken-Arten entdeckt und herausgefunden, dass es hier Kreuzottern gibt. Eine Mücke muss eine solche Schlange gestochen und so das Material in die Probe transportiert haben.
Ist die Artenvielfalt auf einer einzigen Wiese nicht irgendwann langweilig?
In gar keinem Fall. In Bayern gibt es ungefähr 30.000 Insektenarten, auf dieser Wiese findet man rund 10.000 Arten, manchmal haben wir 1000 Arten in einer einzigen Falle.
Ist das auf allen Wiesen so?
Wir untersuchen in einer Studie, wie sich die Artenvielfalt einer biologisch bewirtschafteten Agrarfläche im Vergleich zu einer konventionellen verändert. Die genannten Zahlen beziehen sich auf die natürlich belassene Wiese, auf der es rund 50 Prozent mehr Schmetterlinge gibt als auf der konventionell genutzten Wiese.
Haben Sie auch an Orten außerhalb der oberbayerischen Fauna und Flora neue Arten entdeckt?
Für Entomologen ist Südamerika super interessant. Wir waren dort schon auf verschiedenen Forschungsreisen, auch für die Zoologische Staatssammlung München.
Sind solche Reisen nicht gefährlich?
Natürlich sind das keine Spaziergänge wie bei uns. Hier können einem aber auf der Wiese auch Wildschweinherden begegnen, was auch eindrucksvoll ist. Und man weiß vorher, dass es im Dschungel anders zugeht. Wir sind mal mit dem Auto abgestürzt, wir sind auch schon bewaffneten Banden gegenübergestanden und es wurde auf uns geschossen. Das war aber eine Verwechslung. Von den unzähligen Tier- und Insektenkontakten reden wir mal nicht. Es ist aber immer alles gut ausgegangen.
Was treibt Sie immer noch an, sich jeden Tag für Spanner, Schwärmer und Co. einzusetzen?
Ich möchte, dass es auch für unsere Nachkommen noch natürlichen Lebensraum gibt. 40 Jahre lang habe ich Beikostprodukte für Babys entwickelt und weiß, wie wichtig die Bestäuberleistung der Insekten für die Ernährungssicherheit ist. Ohne diese Bestäuberleistung fehlen unzählige Nutzpflanzen, von Gemüse bis Obst. Wir Menschen sind auf die Bestäuberleistung der Insekten angewiesen. Daher ist auch deren Lebensraum entscheidend.